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Stephen Spender: Der Tempel

Stephen Spender: Der Tempel

Dt. v. Sylvia List-Beisler. D 2012, 302 S., geb.,  19.53
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Inhalt
Paul Schoner studiert Ende der 20er Jahre an der Universität in Oxford. Sein Interesse gilt weniger der eigenen sportlichen Betätigung als dem Verfassen von Gedichten. Seine Faszination und seine Leidenschaft freilich gelten jungen Männern, vor allem den eher introvertierten mit sportlichen, dabei aber feingliedrigen Körpern. Paul kommt so mit dem Hamburger Ernst Stockmann in Kontakt, der ihn kurz darauf zu ihm nach Hause einlädt. Paul fährt mit Begeisterung nach Hamburg, denn Deutschland mit seiner liberalen Verfassung gilt in England, wo zu dieser Zeit noch prüde und restriktive Zensur herrscht, als Hort der Freiheit. In Hamburg lernt Paul 1929 Ernsts schwule Freunde kennen, unter ihnen Joachim, der mit obsessiver Begeis­terung junge Männer fotografiert und sich nichts sehnlicher wünscht als einen Freund fürs Leben. Weil Ernst Paul immer unsympathischer wird – der gemeinsame Sex während eines Ausflugs an die Ostsee weckt regelrecht Pauls Abscheu gegen ihn – nimmt er Joachims Angebot an, mit ihm eine Wanderung am Rhein zu unternehmen. Dort treffen sie den Wandervogel Heinrich, in den sich Joachim sofort verliebt. Für Paul ist die gemeinsame Wanderung zu dritt eine intensive Erfahrung an körperlicher wie geistiger Freizügigkeit, die ihn ebenso beeindruckt wie letztlich überfordert. 1932 besucht Paul erneut Hamburg, trifft die alten Freunde und knüpft auch Kontakte nach Berlin, wo mittlerweile der ihm noch aus der Oxford-Zeit bekannte Schriftsteller William Bradshaw lebt. Doch nichts ist mehr wie drei Jahre zuvor: Etliche seiner alten Bekannten sind Nazis geworden oder sympathisieren zumindest mit Hitler, Joachims Studio wird von der SA verwüstet, Joachim selbst überlebt nur knapp. Paul wird Zeuge der Kämpfe zwischen Nazis und Kommunisten. Entsetzt von alledem und von der großteils beschwichtigenden Sicht seiner wenigen verbliebenen Freunde schließt er sich William Bradshaw an und geht nach Berlin. - »Der Tempel« - der Titel verweist auf den schönen Körper des jungen Mannes - ist in mindestens dreierlei Hinsicht ein spannender Roman, obwohl er in Sprache und Erzählführung eher ruhig, geradezu unspektakulär geschrieben ist. Zunächst natürlich als zeitgeschichtliches Dokument. Obwohl erst 1988 veröffentlicht, ist der wesentliche Teil des Textes als autobiographischer Tagebuchroman Ende der 20er und Anfang der 30er Jahre verfasst worden und schildert aus unmittelbarer Anschauung den dramatischen Umbruch in Deutschland unmittelbar vor und nach Hitlers Machtergreifung. Besonders spannend ist dabei zweitens die schwule Perspektive, denn Paul bewegt sich fast ausschließlich in schwulen Kreisen. Dabei beschreibt er nicht nur, wie etliche seiner Freunde und Bekannten zu Nazis werden, sondern auch, wie sie ihr Leben verändern, um dies sowohl nach außen als auch nach innen, vor sich selbst als plausible Wandlung erscheinen zu lassen. Heirat und ein (vorgebliches?) heterosexuelles Leben ist nur eine der Strategien hierfür. Auch die offene Umdeutung der alten jugendbewegten Ideale als logischer Anfang nationalsozialistischer Ideologie gehört dazu. Erschreckend dabei auch die Faszination derer, die deklariert gegen die Nazis eingestellt sind. Joachim empfindet eine nachgerade erotische Anziehung zum Uniformierten der SA, der sein Studio verwüstete und ihn fast erschlug. Die offenkundige Verharmlosung bekommt einen umso bittereren Beigeschmack, wenn man sich die Nähe dieses Empfinden zu dem vergegenwärtigt, was wir heute unter diversen Fetisch-Spielereien kennen. Insofern wird »Der Tempel« zu einer zeitlos selbstkritischen Analyse schwulen sexuellen Begehrens. Dieser Zeitlosigkeit kontrastiert drittens die Unschlüssigkeit in Bezug auf das Begehren, die sich wie ein roter Faden durch den gesamten Roman zieht und die die Romanhandlung eigentümlich fremd wirken lässt. Keinem, weder Paul noch seinen Freunden, scheint außer der Faszination für Männer klar zu sein, was sie eigentlich vom Leben und ihren Männern wollen. Nicht einmal Joachim, der so sehr auf Liebe und lebenslange Freundschaft fixiert ist, kann diese abstrakten Ideen mit konkreten Vorstellungen füllen. Zögern, Zaudern und Zurückhaltung sind für ihre intimsten Wünsche kennzeichnend, auch wenn sie häufig ein ausschweifendes Leben führen. Für Paul bleibt nur die Schriftstellerei und die Freundschaft zum gleichgesinnten literarischen Freund William Bradshaw. Dass dies eine Flucht und letztlich ein Scheitern ist, zeigt die Parallelisierung zu Joachims Entschluss, Kriegsfotograf zu werden. Insofern kann man Stephen Spenders Geschichte auch als Roman darüber lesen, warum die erste deutsche Schwulenszene und -bewegung auch an sich selbst gescheitert ist. (Veit empfiehlt, Herbst Katalog 2012)
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