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John Neumeier: Tod in Venedig / Death in Venice

John Neumeier: Tod in Venedig / Death in Venice

D 2004, OF, engl./frz. SF, 123 min. + 59 min. Bonusmaterial,  0.00
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Arthaus
Inhalt
John Neumeier - 1942 geboren in Wisconsin - ist einer der besten Ballettchoreografen, den die Welt in den letzten Jahrzehnten zu bieten hatte. Er begann als Tänzer, wechselte aber 1973 mit der Übernahme der Leitung des Hamburger Balletts ins Choreografenfach. Seitdem krempelte er alles um, was ihm als zu festgefahren erschien, und erregte mit seinen Produktionen und radikalen Vorgangsweisen immer wieder großes Aufsehen. Dabei setzte er sich in vielem über die Traditionen des Balletts hinweg und holte es wie viele Choreografen seiner Generation in die Moderne. Seine Choreografien - gerade die in der frühen Phase seines Schaffens - gelten heute als legendär und setzten neue Standards, die inzwischen als modernes Ballett kanonisch geworden sind. Auch wenn Neumeiers Sturm- und Drangzeit nun vorüber ist (er ist inzwischen 70), schafft er es mit seinen Choreografien auch heute noch zu begeistern. Ein besonders herausragendes Beispiel ist seine Ballettadaption des »Tod in Venedig«-Stoffes, die 2004 im Festspielhaus Baden-Baden aufgezeichnet wurde und die nun sehnlich erwartet endlich als DVD erhältlich ist. Als Neumeier - fasziniert durch den homoerotischen Stoff in Thomas Manns Novelle - daraus eines seiner faszinierendsten und gleichzeitig überzeugendsten Ballette machte, schuf er damit ein intellektuelles Gesamtkunstwerk, das dem Ballettinteressierten sowohl als Betrachter als auch als Zuhörer einen großartigen Kunstgenuss bieten kann. Der ins Alter gekommene, schwer erschöpfte Komponist Aschenbach muss sich dringend erholen und will zu diesem Zweck einige Zeit in einem gediegenen Hotel in Venedig verbringen. Dort und am Strand der italienischen Lagunenstadt trifft Aschenbach auf Tadzio, einen wunderschönen, polnischen Jüngling, der in den Sommerferien mit seiner Mutter und den Schwestern zur Erholung ebenfalls nach Venedig gekommen ist und der auf den alternden Komponisten eine geradezu magische Faszination ausübt. Während dem alten Herrn die sommerliche Hitze und die Turbulenzen des Hotelbetriebs anfänglich noch arg zugesetzt haben, sind diese Unannehmlichkeiten sofort vergessen, wenn er nur den lebenslustigen Knaben aus gebührendem Abstand bewundern kann. Tadzio bekommt von der homoerotisch aufgeladenen Aufmerksamkeit Aschenbachs nichts mit - so sehr ist der Knabe in seiner unschuldigen jugendlichen Welt gefangen, in den Spielen mit seinen gleichaltrigen Freunden. Ihm erscheint jede Begegnung mit dem Komponisten wie purer Zufall. Er kümmert sich nicht um den tödlich verliebten Bewunderer, dessen Leidenszustand durch jede Begegnung mit dem schönen Tadzio nur noch verschlimmert wird. Aschenbach wirkt gefangen in einem unaufhaltsam fortschreitenden Siechprozess, der in erklärlichen Zuständen von Überarbeitung seinen Ausgang genommen hat und nun aber zum Tod führen wird. Neumeier bietet in seinem Ballett eine Neuinterpretation der Figur des schönen Tadzio an - er ist eine Art Todesengel für den vom Verfall gezeichneten, in zunehmende Lebensverzweiflung gestürzten Aschenbach. Am Ende dieses zerknirschten Lebens bietet Tadzio dem alten, in absoluter Hingabe an den schönen Knaben leidenden Herrn ein letztes Fünkchen Hoffnung, eine morbide Variation des Liebestod-Motivs. »Tod in Venedig« als Neumeier‘sches Ballett ist voller Anspielungen. Der Auftritt Friedrichs des Großen - als Ausgeburt von Aschenbachs Fantasie - stellt interessante Querverbindungen her: der schwule preußische Herrscher, dessen große Liebe Catte vor seinen Augen hingerichtet wurde, dessen Leben wohl nie mehr normal sein konnte und dessen Homosexualität wohl in einem Dasein als großer Kriegsherr sublimiert wurde - dann Thomas Mann, der große »Zauberer« der deutschen Literatur, der verheiratet war, 6 Kinder in die Welt setzte und dennoch glücklos schöne Jungs begehrte - und schließlich der Komponist Aschenbach, der am Ende seines Lebens nach Erlöschen seiner Schaffenskraft bei einem engelsgleichen schönen Jüngling seine Erlösung sucht. Mit einem hohen Maß an intellektueller Durchdringung ist Neumeier an die Konzeption dieses Ballettstücks herangegangen. Sehr zum Vorteil der gesamten Produktion. Auch die Musikauswahl - bis dahin mag Mahlers 5. dank Viscontis Verfilmung aus dem Jahr 1970 als maßgeblich gegolten haben - folgt hier nicht dem Zufall. Die DVD »Tod in Venedig« enthält unter dem Titel »Another Liebestod« auch ein umfangreiches, sehr aufschlussreiches Interview mit John Neumeier, in dem er über seine Ideenwelt, seine Motivation und Inspiration zu »Tod in Venedig« spricht. Für sein Ballett verwendete Neumeier Musik von Johann Sebastian Bach und Richard Wagner - ließ dabei zwei wirkliche Kontraste aufeinanderprallen. Beide Komponisten hatten besondere Beziehungen zu homosexuellen Herrschern: J.S. Bach zu Friedrich dem Großen, Richard Wagner zu König Ludwig II. Dass beide Komponisten in Neumeiers »Tod in Venedig« eingesetzt werden, kommt daher nicht von ungefähr. Wie Neumeier in dem Interview deutlich macht, vertritt er auch die literaturwissenschaftlich auf der Hand liegende These, dass Thomas Mann mit dem Aschenbach in seiner Novelle eigentlich Richard Wagner gemeint haben könnte. Richard Wagner, der sich vom schwulen Kini fördern ließ und ihm sein Festspielhaus verdankte, starb 1883 in Venedig. In den 1990er Jahren gab es den Reprint eines Buches über Homosexualität bei Richard Wagner. Und hier baut Neumeier eine Brücke zwischen dem Liebestodmotiv, wie es im »Tod in Venedig« vorkommt und dem in Wagners »Tristan und Isolde«. Hier kommt es zu einer Inversion des Motivs: bei »Tristan und Isolde« sind beide Protagonisten im Tod vereint - während im »Tod in Venedig« Aschenbach als mit sich allein gelassener Homoerot einsam stirbt, quasi vergeht. Neben der wirklich faszinierenden, choreografischen Leistung Neumeiers muss hier auch auf die beiden einander antipodenhaft ergänzenden Tänzer Lloyd Riggins und Edvin Revazov hingewiesen werden. Edvin Revazov gibt - obwohl deutlich älter als der in »Tod in Venedig« beschriebene Knabe Tadzio - eine überzeugende darstellerisch-tänzerische Leistung ab. Er spielt den Tadzio so unbekümmert, unverbraucht und spielerisch, dass man ihm den Jüngling ohne weiteres abnimmt. Lloyd Riggins - obwohl deutlich jünger als der Aschenbach, den er darstellen soll - zeigt das Leiden des Aschenbach, die Zersplittertheit seiner Seele mit seltener Bravour. Ihm gelingt das Kranke, Leidgeprüfte, Fiebrige sehr überzeugend. Am Ende klingt das Ballett »Tod in Venedig« im invertierten Liebestod aus. Der Todesengel Tadzio als Imago eines Fiebertraums ist - also nicht wirklich - bei seinem Aschenbach, mit dem es zu Ende geht. Ein wirklich glanzvolles, wohldurchdachtes, sehr schlicht modern inszeniertes Ballett, das man nicht nur Ballettliebhabern ans Herz legen kann. (Jürgen empfiehlt, Sommer Katalog 2012)Dieser Titel ist derzeit nicht lieferbar!
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