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Carolin Schairer: Aprikose im Kopf

Carolin Schairer: Aprikose im Kopf

D 2011, 295 S., Broschur,  20.56
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Ulrike Helmer
Inhalt
In Wien muss man die niederbayrisch-wienerische Autorin vermutlich niemandem mehr vorstellen. Mit Romanen wie »Die Spitzenkandidatin«, »Marie« und »Lass keine Fremden ins Haus« hat sie sich bereits in das Herz einer großen Fangemeinde geschrieben. Und sie ist inzwischen zu einer Freundin des Hauses geworden, die auch gerne mal bei uns vorbeikommt, wenn eine Kundin nicht zu einer Lesung kommen kann und trotzdem eines ihrer Bücher signiert haben möchte. Für ihre Leserinnen tut sie (fast) alles. Dieses unprätentiöse Auftreten macht die Autorin auch so ungemein sympathisch. Und Unaufdringlichkeit ist auch etwas, dass sich in ihren Büchern fortsetzt. Im englischen Sprachraum nennt man eine solche Art »down-to-Earth« - was sich nur holprig mit »geerdet« übersetzen lässt. Ich persönlich mag eine solche Schreibweise - in der einem nicht bei jeder Zeile unter die Nase gerieben wird, für wie literaturpreisverdächtig sich eine AutorIn hält. Eine solche Prosa muss trotzdem nicht unlyrisch sein. Und das lässt sich am Beispiel von Carolin Schairers aktuellem, vierten Roman »Aprikose im Kopf« gut zeigen. Mehrere Jahre hat die Journalistin Katja Dannhausen als Korrespondentin in Afrika verbracht. Sie musste viel ansehen: das Elend von Flüchtlingslagern, den Missbrauch von Kindersoldaten, auf die Knochen herunter gehungerte Menschen, Menschen, denen Minen Körperteile abgerissen haben. Das, was ihr bei der Arbeit begegnet ist, ist selten schön gewesen. Entsprechend abgebrüht ist sie inzwischen geworden. Bestätigung hat sie vor allem dann gefunden, wenn ihre mutigen, couragierten TV-Berichte aus den diversen Krisengebieten des schwarzen Kontinents es bis in die Abendnachrichten geschafft haben. Das - denkt sie - hat ihr bleibendes Renommee eingebracht. Doch nun ist es an der Zeit gewesen nach Deutschland zurückzukehren. Nach all den teils heftigen, teils haarsträubenden Erlebnissen in Krisenländern wie Simbabwe oder Somalia glaubt sie zuhause vergleichsweise leichtes Spiel zu haben. Umso mehr reibt sie sich die Augen, als sie - die international renommierte TV-Journalistin - mangels alternativer Angebote plötzlich quasi ganz unten beim Fernsehen ihrer Heimatstadt neu anfangen muss. Was für ein Fall aus lichter Höhe! Anfangs ist es hart für sie ihren Stolz derart herunterzuschrauben. Katja kommt sich absolut unterfordert vor und schätzt ihre neue Wirkungsstätte entsprechend gering, auch wenn sie gleich in einer leitenden Position zu arbeiten begonnen hat. Andere würden sich freuen. Aber für sie ist es eine Art Abstieg. Doch dann begegnet ihr der große Lichtblick: bei ihrer Schwester Sophie zuhause arbeitet eine junge russische Studentin als Au-pair-Mädchen. Diese Irina kümmert sich rührend um Sophies Kinder und hat es Katja schnell angetan. Auch wenn es für die beiden nicht Liebe auf den ersten Blick ist und die Beziehung der beiden eine gewisse Anlaufzeit braucht, so wird Katja doch allmählich wachgerüttelt und bekommt auch endlich eine Idee davon, dass es neben der Karriere und dem beruflichen Fortkommen noch etwas Anderes - nämlich ein Privatleben - gibt. Erst da gibt Katja nach und setzt sich Irinas Anziehungskraft ganz bewusst aus. Neben diesem lesbischen Handlungsstrang des Romans verfolgt Carolin Schairer noch ein weiteres zentrales Moment: die Beziehung zwischen den beiden Schwestern Katja und Sophie - die eine lesbisch, karriereorientiert und weltgewandt, die andere heterosexuell mit Mann und Kindern festgenagelt in einer bürgerlichen Existenz, die sie zunehmend nervt. Zunehmend ist Sophie gereizt und durch alles um sie herum überfordert. Erschwert wird die ohnehin nicht leichte Beziehung zwischen den beiden grundverschiedenen Schwestern durch das Faktum, dass Sophie schließlich schwer erkrankt (die Aprikose im Kopf!) und vielleicht nicht mehr lange zu leben hat. Sorgen, Rücksichtnahmen, Unausgesprochenes, Unaussprechliches beginnen plötzlich ihr Zusammensein zu dominieren. Und davon wird die aufkeimende Beziehung von Katja zu Irina überschattet, die ja bei Sophie einen guten Job macht, aber auch irgendwie von ihr abhängig ist. Sophie scheint zu ahnen, dass es zwischen Katja und Irina mehr gibt, als Katja bereit wäre einzugestehen. Denn Katja weiß nicht recht, ob sie ihren eigenen Gefühlen wirklich trauen kann, ob sie zu Irina stehen soll. Das schlechte Beispiel ihrer Eltern hat Katja gezeigt, dass Liebe flüchtig ist. Und wenn Irina erst einmal nach Russland zurückgeht, bleibt Katja vielleicht mit einem gebrochenen Herzen zurück. Und es wäre auch nicht Katjas erste gescheiterte Beziehung. Wie schon in ihrem ersten Roman »Die Spitzenkandidatin« beweist Carolin Schairer aus eigener Anschauung auch in »Aprikose im Kopf« eine profunde Detailkenntnis, was die Journalismusbranche anbelangt. Sie hat das Buch sehr spannend und mit großem Einfühlungsvermögen in seine Charaktere geschrieben. Es ist nicht zu hoch gegriffen, »Aprikose im Kopf« als Carolin Schairers bislang bestes Buch zu bezeichnen. Man wird in die Geschichte richtig hineingezogen und möchte mehr wissen. Darüber hinaus freue ich mich auch schon auf das nächste Buch von ihr. Und darüber hinaus freue ich mich auch schon auf ihr nächstes! (Jürgen empfiehlt, Frühlings Katalog 2012)
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