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Abha Dawesar: Die Physik des Vergnügens

Abha Dawesar: Die Physik des Vergnügens

Dt. v. Nicole Alecu de Flers. Ö 2011, 402 S., Broschur,  19.95
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Inhalt
Anamika ist eine Musterschülerin, sie interessiert sich vor allem für Physik und Mathematik, in der strengen Oberschule in Delhi. Sie wächst in einer privilegierten Brahmahnen-Familie auf, die Eltern sind zwar nicht reich, aber durchaus wohlhabend. Mit ihrem besten Freund Vidur bespricht sie alles – beide erzählen sich auch ihre immer stärker werdenden sexuellen Wünsche. Als oberste Aufsichtsschülerin (das indische Schulsystem ist fast schon militärisch straff organisiert) lernt sie die überaus attraktive und selbstbewusste Tripta kennen, die als geschiedene Frau versucht, ihren Sohn an Anamikas Schule anzumelden. Anamika ist Tripta sofort verfallen – und in der Tat erwidert Tripta Anamikas Gefühle, die beiden werden ein heimliches Paar. Zur gleichen Zeit stellen Anamikas Eltern eine neue Haushaltshilfe ein. Rani stammt aus einer niedrigen Kaste und ist wunderschön. Anamika kann es kaum glauben, doch Rani macht ihr tatsächlich Avancen. Weil Rani eines Tages berichtet, dass ihr Mann gewaltätig ist, bieten ihr Anamikas Eltern an, bei ihnen zu wohnen. So dauert es nicht lange, und Anamika verbringt die Nächte in Ranis Armen, tagsüber trifft sie sich mehr oder weniger heimlich mit Tripta, um mit ihr zu schlafen. Um Anamikas Liebes-Chaos komplett zu machen, verliebt sie sich auch noch in ihre Klassenkameradin Sheela. Sheela aber sträubt sich, Anamika bleibt hartnäckig, vergisst sich eines Tages und vergewaltigt Sheela nahezu. Weil auch Vidur sich in Sheela verschaut hat, droht ihre wunderbare Freundschaft zu zerbrechen, wäre da nicht Vidurs Vater, Adit. Dieser lässt seinerseits sehr deutlich durchblicken, dass er sich sexuell von Anamika stark angezogen fühlt, gleichzeitig ist er jedoch ein sehr offener und verständnisvoller Zuhörer und mitunter Vermittler. Und als wäre diese Verwirrung nicht schon genug, gibt es auch noch die derben und plumpen Anmachversuche Chakra Devs, des frühreifen und proletarischen Klassenrüpels. – Das Bemerkenswerte und Vereinnahmende dieses Romans ist einerseits die durchgängige Offenheit, andererseits die aufgeklärte Rationalität, mit der diese komplizierte Gefühlslage einer jungen, eben erwachsen gewordenen lesbischen Frau geschildert wird. In einer geradezu atemberaubend modernen und aufgeschlossenen Weise fassen Anamika und ihre Geliebten ihre jeweiligen Affären auf, die Gespräche mit Vidur, mit dessen Vater Adit oder mit Freunden von Tripta sind in einem Maße freimütig, wie man sie fast nur von den Höhepunkten der französischen Literatur oder des französischen Films kennt. Diese Offenheit und Selbstverständlichkeit, mit der Anamika und ihre Vertrauten im Roman sowohl damit umgehen, dass Anamika auf Frauen steht, als auch, dass Anamika gleich drei Affären gleichzeitig unterhält, kontrastiert natürlich stark mit der aus unserer Sicht strengen, altertümlich anmutenden Gesellschaftsordnung Indiens. Starre Regeln, Verbote, Vorurteile und Lebensperspektiven, die im Roman allen selbstverständlich sind, erscheinen uns als Weggefährten von Prüderie und Engstirnigkeit – der Roman zeigt freilich, dass sie in Wahrheit gar nichts damit zu tun haben. Und in seiner fast schon naturwissenschaftlichen Sachlichkeit ist »Die Physik des Vergnügens« nachgerade ein Gegenentwurf zu Goethes »Wahlverwandtschaften«. Ging es dort um die Parallele menschlicher Gefühle und Beziehungen zu bestimmten chemischen Reaktionen, verabscheut Anamika die klassische Chemie – sie hält sich an die moderne Physik, Wahrscheinlichkeiten und Unschärfen sind ihre Leitbegriffe. Und mit dieser Sachlichkeit gelingt es der Autorin sowohl ein grundsätzliches Lebensgefühl zu formulieren, das sich überkommenem Schubladendenken verweigert, also auch ihre konkrete Gefühlswelt plastisch und eindrücklich darzustellen. Gerade die völlig fehlende Rührseligkeit, das Fehlen jeglichen Schwelgens macht die Tiefe und die Verbindlichkeit von Anamikas Gefühlen zu allen drei Frauen so intensiv und so nah. (Veit empfiehlt, Frühlings Katalog 2012)
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