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Claudia Breitsprecher: Auszeit

Claudia Breitsprecher: Auszeit

D 2011, 220 S., geb.,  20.46
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Krug und Schadenberg
Inhalt
»Auszeit« ist in vielerlei Hinsicht ein treffender Titel für Claudia Breitsprechers zweiten Roman. Martina, die Ich-Erzählerin, ist Parlaments-Abgeordnete der Grünen. Sie hat gerade die Reha hinter sich, nachdem sie nur mit viel Glück ein Attentat auf einer Wahlkampf-Veranstaltung überlebt hatte. Jetzt will sie im Ferienhaus einer befreundeten Kollegin im märkischen Land versuchen, wieder im privaten Alltag Fuß zu fassen, bevor sie ihre Arbeit wieder aufnimmt. Denn zum Schock des Mord-Anschlags kommt für Martina der Schmerz über die Trennung von ihrer Freundin Eleni. Nicht einen Gruß geschweige denn einen Anruf Elenis gab es in Martinas Zeit im Krankenhaus und in der Reha-Klinik. Zudem hat sich tiefes Misstrauen und Angst in Martina festgesetzt: Überall sieht sie Gefahr, Menschen sind ihr unheimlich, verdächtig, jede und jeder könnte eine Attentäterin oder ein Attentäter sein. Umso beruhigender empfindet sie es, dass das junge Ehepaar im Nachbarhaus ihr sofort sympathisch ist. Laura ist hochschwanger und gibt ihr Tipps für den Garten, Stefan, ihr Mann, ist ebenfalls freundlich und hilfsbereit. Beide freuen sich offenkundig auf ihr Kind, das in wenigen Wochen geboren werden soll. Doch als sich die drei zu einem gemütlichen Abendessen treffen und voneinander zu erzählen beginnen, erfährt Martina, dass Stefan an einem Neonazi-Überfall auf ein Asylantenheim beteiligt war. Martina ist so entsetzt, dass sie sich weigert, Stefans Geschichte ganz anzuhören, sie bricht den Kontakt zu ihren Nachbarn ab. Dass Martina es sich damit zu einfach gemacht hat, muss sie kurz darauf erkennen, als Stefans alte Kumpane auftauchen. Neben diesem sich dramatisch zuspitzenden Handlungsstrang versucht Martina, Eleni zurück zu gewinnen. Und es gelingt ihr, den Kontakt wieder aufleben zu lassen, Eleni besucht sie im Ferienhaus und Martina schöpft bereits Hoffnung für eine gemeinsame, neue Zukunft. Doch auch im Umgang mit ihrer geliebten Freundin denkt und handelt Martina viel zu sehr in vorgegebenen Mustern. Genauso, wie sie Stefan schnell und praktisch in die Schublade des Rechtsradikalen abgelegt hatte, mit dem am besten gar nicht in Berührung zu kommen ist, so schematisch ist ihr Versuch, Eleni durch Begehren, Verführen, Versprechen an sich zu binden. Nur nach und nach dämmert es ihr, dass die Zweifel, die sie während alledem an ihrer Arbeit als grüne Mandatarin hegt, ein gekonntes intellektuelles Ablenkungsmanöver von ihrem eigentlichen Problem sind. Mit diesen Zweifeln beginnt Martinas »Auszeit« und Claudia Breitsprechers Roman. Zweifel daran, ob es richtig war, Kompromisse mit anderen Parteien zu schließen, auf populäre, massenfähige und damit auch inhaltsleere Formen des Wahlkampfes zu setzen, sich von einer Protestbewegung zu einem Player des Establishments zu verwandeln. Schöne, gepflegte Gedanken, vermeintliche Einsichten, immer wieder gut für einen tiefen Seufzer bei einem guten Glas Rotwein. Doch »Auszeit« entlarvt ihre falsche Voraussetzung, denn ohne den Stress, dass etwas entschieden werden muss, ohne den Druck, dass Bedenken hintan zu stellen sind, um handlungsfähig zu bleiben, verlieren diese Zweifel an der allgemeinen Entwicklung ihre entlastende Wirkung und werden zu nagenden Selbstzweifeln. Und so erkennt Martina nach und nach, dass sie selbst erstarrt ist und damit sie selbst ihr größtes Problem ist. Zu sehr lässt sie sich von gegebenen Bahnen leiten, selbst ihre Zweifel und ihre vordergründige Selbstkritik dienten unter Alltagsbedingungen ihrer eigenen Bestätigung. Diese vorgegebenen Bahnen werden in der »Auszeit« in Frage gestellt, verlassen oder sogar zerstört. Martina erkennt nicht nur ihr eigenes berechnendes Wesen, wenn sie um Eleni wirbt, sie erkennt das gesellschaftliche, der eigenen Aufrichtigkeit immer entgegenwirkende Kalkül, das hinter jeder Hoffnung auf eine feste Liebesbeziehung steht. Und bei ihren Nachbarn erkennt Martina, wie schwer, ja fast unerträglich es ist, nicht nur theoretisch zuzugeben, dass Menschen sich ändern können, sondern auch beim eigenen Handeln dieser Einsicht zu folgen und eine Freundschaft mit Stefan, dem ehemaligen Neonazi zuzulassen. »Auszeit« schildert spannend, dass es weniger der äußere gesellschaftliche Druck ist, der uns konventionell und belanglos werden lässt, sondern unsere eigene Verinnerlichung dieser Erwartungen; nicht: »Was würden die Anderen dazu sagen?« ist unser Problem, sondern: »Was sagen wir selbst dazu?«. (Veit empfiehlt, Winter Katalog 2011)
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