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Silvia Avallone: Ein Sommer aus Stahl

Silvia Avallone: Ein Sommer aus Stahl

Dt. v. Michael v. Killisch-Horn. D 2013, 415 S., Pb,  10.18
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Klett-Cotta
Inhalt
Anna und Francesca sind Freundinnen seit frühester Kindheit. Sie leben in der Arbeiterstadt Piombino. Das gesamte Leben wird vom Stahlwerk, der »Lucchini« bestimmt, von der Tradition der mittelalterlichen Altstadt, von toskanischem Flair oder dergleichen ist rein gar nichts zu spüren. Einziges Freizeitvergnügen der Jugendlichen im Sommer ist ein kleiner Strandabschnitt, der zu verschmutzt ist, als dass er von Touristen in Beschlag genommen würde. Von hier aus ist in der Ferne die Insel Elba zu sehen – doch mehr als ein Traum ist auch dieser Ausblick nicht. Annas und Francescas Gedanken drehen sich, wie die aller Jugendlichen, beständig um Sex, mögliche, erhoffte und manchmal tatsächliche Liebesaffären. Anna und Francesca gelten als unzertrennlich, und neben ihrer jugendlichen Schönheit kokettieren die beiden auch mit der aufreizenden Wirkung, die sie als zwei Mädchen auf Jungs haben. Sie baden gemeinsam in durchsichtigen Badeanzügen und ziehen sich zusammen vor offenem Badefenster nackt aus, wenn sie genau wissen, dass in den Fenstern gegenüber Spanner lauern. Für Francesca ist dies jedoch mehr als nur Anmache von Dritten. Francesca liebt Anna, das Anbaggern der Jungs ist für sie nur der Weg, Anna nackt zu sehen und mit ihr erotisch zusammen zu sein. Anna erwidert Francescas Gefühle, jedoch ist sie berechnender. »Das passt nicht in meine Lebensplanung«, ist ihre kalte Ansage, als Francesca anfängt, Zukunftspläne für sich und Anna zu schmieden. Daran ändert auch nichts, dass der Sex mit Francesca auch für Anna wunderschön und erfüllend war. Anna glaubt nicht, sich aus der vorgegebenen Enge Piombinos befreien zu können, im Roman nochmals verdichtet auf eine Wohnblockreihe in der (fiktiven) Via Stalingrado. So lässt sie sich mit Mattia ein, einem Freund ihres Bruders, und verfängt sich immer mehr in der kleinkriminellen Machowelt der ausgebeuteten und frustrierten Arbeiter. Immer mehr entgleitet ihr, dass die sexuelle Befriedigung mit Mattia ihr seelisch nichts gibt, sie reduziert sich nach und nach auf eine körperliche Existenz, eine Funktionseinheit ihrer Familie, der Wohnblocks und der Fabrik. Diese gekonnte Umkehrung des klassischen Entwicklungsromans macht Silvia Avallones Roman so besonders spannend. Bildung – und das heißt auch immer Herzensbildung – wird in der Nachfolge von Parzival, Simplicissimus und dem Grünen Heinrich in der Fremde erlangt, die unsteten Jahre fern der Heimat sind die Grundlage der sich entwickelnden Persönlichkeit. Für die Jugendlichen, vor allem die Mädchen, in Piombino ist dagegen selbst die nahe, mit der Fähre erreichbare Insel Elba bestenfalls Gegenstand eines Nachmittagsausflugs. Aber Silvia Avallone beschränkt ihre Darstellung nicht auf eine soziale Anklage, dass in diesen bedrückenden Verhältnissen keine Entwicklung möglich ist. Anna und Francesca haben nicht nur Anlagen und Talente, sondern sind bereits – wenngleich frühreif – entwickelt. Doch all dies verkümmert und degeneriert bei Anna, die sich bewusst gegen ihre Liebe zu Francesca und für die Einordnung in gesellschaftliche Erwartungen entscheidet. Familie und Heimat zerstören den Menschen. Erst Francescas Ausbruch und eine gewalttätige Erschütterung eröffnen ihr eine Möglichkeit, noch einmal ein eigenes Leben zu versuchen. Faszinierend ist dabei über den ganzen Roman hin Sprache und Erzählhaltung, die eine eigentümliche Spannung zwischen der Dumpfheit und Enge der geschilderten Verhältnisse und der demgegenüber entwickelten Reflexion aufrecht erhalten. Beim Lesen entsteht so der nur vordergründig widersprüchlich erscheinende Eindruck einer ebenso nachdenklichen wie schrillen Teenager-Story. (Veit empfiehlt, Herbst Katalog 2011)
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