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Karen-Susan Fessel: Leise Töne

Karen-Susan Fessel: Leise Töne

D 2010, 492 S., geb.,  20.46
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Querverlag
Inhalt
Marthe Maan wächst in den 70er und 80er Jahren auf der kleinen Nordseeinsel Amrum auf. So schön die natürliche Umgebung auch sein mag – so beengt ist sie doch auch, zumal Marthes Eltern für Bildung grundsätzlich nichts übrig haben, und Marthes Unabhängigkeitsstreben im Besonderen torpedieren, wo sie können. Nur mit Mühe gelingt es Marthe durchzusetzen, das sie auf dem Festland, in Kiel, eine Fachschule besuchen darf. Kaum volljährig setzt sie sich nach Berlin ab und kann endlich das Leben führen, das sie sich immer schon gewünscht hat. Und das bedeutet für Marthe: Frauen und schnelle Autos. Weil sie keine abgeschlossene Ausbildung hat, arbeitet sie als zunächst als Chauffeuse, später schafft sie den Aufstieg in einer mittelständischen Spedition. Fast wie eine Parallelwelt hierzu erscheint Marthes große Liebe. In den 90er Jahren lernt sie die deutlich ältere Komponistin Elisabeth »Ebba« Helmholz kennen, die auf der schwedischen Ostseeinsel Gotland lebt. Aus der leidenschaftlichen und sexuell spannungsreichen Liebe der ersten Jahre entwickelt sich eine tiefe Lebensverbundenheit der beiden Frauen. Fast ihre gesamte Beziehung verleben sie auf Gotland, wenn Marthe zu Besuch kommt, so gut wie nie reist Ebba im Gegenzug nach Berlin. So kennen selbst Marthes Freundinnen und Freunde die Geliebte hauptsächlich aus Marthes Berichten. Und auch wenn sich diese Konstellation eingespielt zu haben scheint, für beide Frauen Trennung und gemeinsame Zeit auf der Insel ihre Form zusammen zu gehören Normalität geworden ist, keimen in Marthe Zweifel an der Dauerhaftigkeit ihrer Beziehung zu Ebba auf. Doch dass ihre Zeit mit Ebba abrupt enden könnte, das kommt Marthe nicht in den Sinn. - Karen-Susan Fessel hat seit ihrem Roman »Bilder von ihr« Kultstatus als Autorin lesbischer Romane. »Leise Töne« zeugt freilich von einem Reifegrad der Autorin, den man schlicht nur bewundern kann. Da ist zunächst die Erzählführung, die auf drei Zeitebenen einmal die Jugend der Protagonistin Marthe auf Amrum und in Kiel, einmal die wilden Jahre ihrer Emanzipation und die Zeit des Kennenlernens von Ebba in Berlin und der wechselvollen Liebe auf Gotland schildert. Die dritte Zeitebene ist die Gegenwart, in der Marthe noch einmal mit dem Auto über Dänemark auf die Ostseeinsel fährt und in der sie sich – wie beim Lesen erst nach und nach deutlich wird – immer wieder an die Vergangenheit erinnert. Wie von selbst wechseln die Zeitebenen, ganz selbstverständlich schließen sich die unterschiedlichsten Abschnitte aneinander an, selbst Brüche können diesen Eindruck nur verstärken. Karen-Susan Fessel gelingt ein derartig realistischer Gedanken- und Erinnerungsfluss, dass es zeitweise scheint, man würde nicht von einer Erzählung gelenkt, sondern würde vielmehr vom eigenen Strom getragen. Diese vereinnahmende Erzähltechnik legt den Grundstock für die starke identifikatorische Kraft von »Leise Töne«, ein Merkmal, das ja schon Karen-Susan Fessels frühere Romane auszeichnete. Marthe Maan ist nicht einfach die Heldin des Romans, die Ich-Erzählerin wird zum Ich. Natürlich spielt dabei eine große Rolle, dass Karen-Susan Fessel das besonders authentische Bild einer lesbischen Frau zeichnet. Dass dieses Bild jedoch diese Kraft enfaltet, liegt an der wandlungsfähigen Sprache, den wechselnden Tonfällen und Atmosphären, mit denen die Autorin jenseits der charakterlichen Konstanten der Marthe Maan ihre Entwicklung lebendig werden lässt. Vom flapsigen, unsicheren und immer wieder auch manipulierbaren Teenager über die draufgängerische Frau Anfang 20, die aneckt, der langfristige Perspektiven egal sind und die sich nimmt, was sie will, zur reifen Frau, die Karriere gemacht hat, die die Frau ihres Lebens liebt und die in Ruhe das tut, was sie tun muss, entwickeln sich nicht nur Ansichten und Lebensweisen, es entwickelt sich vor allem auch ihre Sprache. Dass sich diese sprachlich Entwicklung in den wechselnden Erzählabschnitten ebenso selbstverständlich abbildet wie die erzählten Inhalte, das hat eine derart bezwingende Kraft, dass man sich ihr beim Lesen einfach nicht entziehen kann. Und dann ist es ja auch noch Marthes Lebensgeschichte, die einen packt. Natürlich, auch die große Liebesgeschichte, aber auch ihr Engagement für Tierschutz, ihre Schwäche für schnelle und schicke Autos, ihre Faszination für die Musik ihrer Freundin, ohne dass sie davon das geringste verstünde. Und wer mag, wird auch viel Stoff zum Nachdenken und Interpretieren finden, zum Beispiel über das Leben auf Inseln, nicht nur solche im Meer – falls nicht die unendlich schönen Schilderungen der Inseln Amrum und vor allem Gotlands viel eher zum Träumen verführt haben. Wie gut, dass das Buch fast 500 Seiten hat. (Veit empfiehlt, Winter Katalog 2010)
Dieser Querverlag-Titel ist auch erhältlich als:
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