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Jonathan Coe: Der Regen, bevor er fällt

Jonathan Coe: Der Regen, bevor er fällt

Dt. v. Andreas Gressmann. D 2018 (Neuaufl.), 299 S., Pb,  10.28
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Penguin D
Inhalt
Rosamond blickt auf ein langes und erfülltes Leben zurück, doch lässt sie eine Erinnerung nicht mehr los. Vor über 20 Jahren, an ihrem 50. Geburts- tag, sah sie zum ers- ten und einzigen Mal Imogen, die Enkelin ihrer Cousine und in Kinder- tagen engsten Freundin. Mittlerweile müsste Imo-gen Ende 20 sein, und Rosamond ist sich sicher, dass Imogen nichts von den Verwicklungen weiß, die ihr Leben bestimmten. Darum wählt Rosamond 20 Fotografien aus, anhand derer sie ihre eigene Geschichte für die junge Frau erzählt. Und die wäre schon für sich genommen pa- ckend genug, angefangen von den Kindheitserinnerungen der Kriegs- und Nachkriegszeit, über die Zeit des Studiums in London und vor allem die Geschichte der Liebe ihres Lebens zu Rebecca und die Innigkeit zu ihrer langjährigen Lebensgefährtin Ruth. Doch immer wieder tritt Beatrix, Imogens Großmutter, in Rosamonds Leben. Beatrix ist verlangend, nachgerade egoistisch, sucht die große Freiheit und wird von den Männern immer wieder enttäuscht. Selbst eine ungeliebte Tochter, schiebt sie auch ihr eigenes Kind, Thea – Imogens Mutter – immer wieder ab, so sind auch Rosamond und Rebecca zunächst ungewollt Theas Ersatzmütter. Und wie ein Fluch scheint alles Fröhliche und Glückliche immer von Beatrix fort zu laufen. Die Geschichte erreicht einen dramatischen Höhepunkt, als Thea - mittlerweile erwachsen - ein furchtbares Verbrechen begeht, unter dem alle, und besonders ihre Tochter Imogen, ein Leben lang zu leiden haben werden. Der Roman ist als Tonbandprotokoll der 20 Fotos geschrieben, die Tonbänder hat Gill, Rosamonds Nichte im Nachlass gefunden und hört sie zusammen mit ihren beiden Töchtern in einer einzigen Nacht gebannt ab. Rosamonds Sprache ist vereinnahmend, schön, ruhig, direkt und klar. Lange Zeit ist gar nicht deutlich, wohin ihre Bildbetrachtungen, von denen sie auch immer wieder abschweift, führen werden. Aber sie selbst wird in diesen Passagen greifbar, man sieht sich einer klugen, stolzen lesbischen Frau gegenüber, der man einfach zuhören muss, allein schon, weil sie spricht. Und ihre Geschichte vereinnahmt und enthüllt nicht nur ein großes Familiengeheimnis – ein neues, größeres Geheimnis tut sich auf, wie sich nämlich alles beständig zu wiederholen scheint, wie sich in der Familie fast magisch anmutende Parallelen und Verkettungen finden. Atemlos nüchtern dagegen wird die Rahmenhandlung erzählt, Gill, ganz Frau der Gegenwart und ihre beiden Töchter sind zwar fasziniert, zu echter Rührung scheinen sie jedoch nicht fähig. Erst als ein Brief Theas eintrifft, tut sich für Gill schlagartig auf, wie auch ihr eigenes Leben offenbar mit all dem zusammen hängt, was sie von Rosamonds Leben erfahren hat. Doch ihr Versuch all dies greifbar zu machen scheitert, die Einsicht erweist sich ebenso schnell als illusionäres Wahngebilde wie die Vorstellung von Regen, bevor dieser fällt. Diese Momente sind es, die den Roman so besonders machen, über lange Passagen zieht er einen unweigerlich ins Schwelgen, nur um diese Illusion zu benennen, zu klären und zum Verschwinden zu bringen. Ein absoluter Lesegenuss. (Veit empfiehlt, Frühlings Katalog 2010)
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