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Randy Shilts: Harvey Milk

Randy Shilts: Harvey Milk

Dt. v. B. Schmid. D 2009, 600 S., Broschur,  0.00
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Bruno Gmünder
Inhalt
Gut 30 Jahre nach der Ermordung Harvey Milks, des ersten Politikers, der nicht nur offen schwul auftrat, sondern auch noch sein Schwulsein vor seinen Wählern immer wieder dezidiert unterstrich, kommt die Verfilmung von Harvey Milks Leben mit einem brillanten Sean Penn in der Titelrolle unter der Regie von Gus Van Sant in Österreich in die Kinos. Grundlegend für den Film war Randy Shilts bereits 1982 erschienene Roman-Biografie, die jetzt in neuer Auflage auf Deutsch wieder erschienen ist. Harvey Milks Auftreten im San Francisco der 1970er Jahre steht immer noch für einen entscheidenden Wendepunkt schwulen Selbstbewusstseins: Es sollte nicht mehr genug sein, bei liberal gestimmten Mitbürgern gut Wetter zu machen, damit die Unterdrückung - und um die ging es auch im Amerika der 70er Jahre noch - der Schwulen zu lindern. Unter der charismatischen Führung von Harvey Milk begriffen sich Schwule auf einmal als Menschen mit Ansprüchen und damit nicht genug, als Machtfaktor, wenn sie nur vereint und in geschickten Bündnissen mit anderen gesellschaftlichen Gruppen wie z. B. Gewerkschaften auftreten. Dabei war Harvey Milk lange Jahre ganz anders aufgetreten. In der Tradition seiner jüdischen Einwandererfamilie verstand sich der junge Harvey zunächst als strammer konservativer Republikaner, in seine erste Karriere in der Bankenbranche fügte sich dann auch nahtlos seine spießige und zurückgezogene Lebensweise. Vom engeren Umfeld wurde er quasi als Junggeselle mit Lebensgefährten akzeptiert - eine Konstellation, die an das Kärntner Modell des Lebensmenschen erinnert. Allerdings war Harvey Milk zeitlebens ein sprunghafter Mensch, immer wenn etwas verlässlich eingefahren schien, brach er aus. Und so landete er über einige Umwege in San Francisco, eröffnete dort eher zufällig als geplant ein Fotogeschäft und durch die Kombination aus Dickköpfigkeit und sozialer Umtriebigkeit ergab sich seine Kandidatur für den Stadtrat, die er geradezu wollüstig gegen alle Mahnungen der gemäßigten Schwulen- und Lesbenverbände durchzog, die befürchteten, sein aggressives Auftreten könnte ihr Image beschädigen. In Wahrheit ging es den gemäßigten (und das bedeutete vor allem: etablierten) Schwulen vor allem darum, dass sie ihre Stellung gefährdet sahen. Und das zu Recht, denn nach drei Kandidaturen hatte Harvey Milk Erfolg, Schwule und Lesben wussten, dass Fordern, Koalieren und lautes Auftreten politischen Fortschritt bringt - leises Tasten, Bitten und Antechambrieren jedoch nur den selbsternannten Funktionären die Illusion ihrer eigenen Wichtigkeit erhält. Wahrheiten, die bis heute gelten, und an denen sich auch unserer gegenwärtigen schwulen und lesbischen Interessen-VertreterInnen messen lassen müssen. Insofern lässt sich Randy Shilts Romanbiografie über Harvey Milk nicht nur als spannende Darstellung eines außergewöhnlichen und mutigen Lebens lesen, sondern auch als Messlatte für unsere Forderungen nach Gleichberechtigung in der Gegenwart, eine Lesart, die sich durch einen fast schon unheimlichen Zug dieses Buches aufdrängt: Denn obwohl die geschilderten Zustände - Razzien, regelmäßige Übergriffe der Polizei und anderer Behörden, Strafbarkeit von einvernehmlichen schwulem Sex unter Erwachsenen usw. - einerseits einer weit entfernten Vergangenheit anzugehören scheinen, ist es doch eine Geschichte von Menschen, die unsere Zeitgenossen sein könnten. Eine spannende Lebensgeschichte also, die viel mehr als eine interessante Erzählung aus einer noch gar nicht so lang vergangenen Zeit, ein Leben voller Widersprüche, Liebenswürdigkeiten wie Bosheiten, klaren Ansichten und zugleich populistischem Auftreten. Randy Shilts hat daraus keine trockene Biografie gemacht, sondern einen leicht lesbaren journalistischen Roman, der zugegebener Maßen literarisch einiges zu wünschen lässt. Gleichwohl, gerade im Zusammenhang mit der aktuellen Verfilmung ist Randy Shilts Buch eine wunderbare Bereicherung der vielen Aspekte, die der Film nur anreißen kann. (Veit empfiehlt, Frühlings Katalog 2009)
Titel derzeit vergriffen, auf Anfragen versuchen wir gern, ihn antiquarisch zu besorgen
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