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Thomas Karlauf: Stefan George - Die Entdeckung des Charisma

Thomas Karlauf: Stefan George - Die Entdeckung des Charisma

D 2008, 816 S., Broschur,  17.42
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Pantheon
Inhalt
Kaum ein Dichter hat jemals mit solchem Nachdruck und so erfolgreich die eigene Legendenbildung betrieben wie Stefan George. Vom Fin de siècle bis zu seinem Tod im Jahr 1934 stand der »Meister« George einem elitären Freundeskreis vor, dessen Mitglieder (darunter die beiden Stauffenberg-Brüder) er höchstpersönlich auserwählt hatte, zu denen er ein oft erotisch aufgeladenes, persönliches Verhältnis pflegte. Zeitlebens schrieb er Gedichte. Seine Produktion war niemals üppig, erlahmte in den 20er Jahren sogar ganz. Unablässig - bis zu seinem Tod - zeigte er ein großes Interesse an den Mitgliedern seines Kreises. Er hatte diesen »Bund« quasi im Griff und gestaltete dessen Aktivitäten ganz nach seinen Vorstellungen, im Rahmen skurriler Riten. Nichts durfte dem Zufall überlassen werden, individuelle Impulse (gerade der Mitglieder) mussten der künstlerischen Idee unterworfen werden. Die Loyalität innerhalb des George-Kreises erscheint heute schier unglaublich. Keine Biografie Georges kommt daher um den George-Kreis und schließlich um die kunstvolle Legendbildung herum. Aber es gibt auch Schattenseiten, durch die die Legende nur als ein Teil der Wahrheit begriffen werden kann. Der Literaturkritiker und George-Schüler Friedrich Gundolf prophezeite George im Jahr 1899, dass das anbrechende 20. Jahrhundert einmal nach ihm benannt werden würde. Auch der Bruch Georges mit Gundolf - den die Hochzeit Gundolfs heraufbeschworen hatte - konnte die enge Bindung des Schülers an den »Meister« nicht zerstören. Gundolf bat George in Briefen, ihn doch nicht zu verstoßen. Aber eindeutig nahm ihm George die Untreue in Form einer Beziehung zu einer Frau übel. Und vermutlich auch die Tatsache, dass seine Machtspielchen im Fall dieses Schülers nicht aufgegangen waren - ein sich wiederholendes Schema. Thomas Karlauf stützt sich in seiner opulenten Biografie Stefan Georges theoretisch auf Max Webers Charisma-Begriff - ein Begriff, den Weber zeitlich dicht an seiner ersten Begegnung mit George formuliert hatte. Der George-Kreis war ein exklusiver Männerbund. George glaubte an den pädagogischen Eros - eine Vorstellung, die aus dem Werk Platos abgeleitet ist. Erotische Anziehung sei demnach die Grundstimmung, die die erzieherische Einflussnahme älterer, weiser Männer auf auserkorene aufnahmebereite Jugendliche erleichtere. George agierte in seinem Kreis genau in dieser Weise: er sagte seinen Schülern, wie sie zu dichten hätten, wie Gedichte am besten vorzutragen seien. Sehr vorsichtig nähert sich Karlauf damit einem der wirklich heiklen Aspekte jeder George-Biografie an: der homoerotischen Pädophilie. Obwohl Georges homosexuelle Aktivitäten letztendlich nicht allzu häufig gewesen sein dürften (von einigen überlieferten Einzelfällen abgesehen), so entwickelte er doch immer wieder starke Gefühle für seine Schüler, die eine tiefe homoerotische Verschossenheit verraten. Im Großen und Ganzen war George stets auf der Suche nach gut aussehenden Jungen und ebensolchen jungen Männern. Es blieb oft bei harmlosen Begegnungen. Nur wenigen wurde die Aufnahme in den Kreis zugestanden. Karlauf listet viele dieser Kontaktaufnahmen minutiös in seiner Biografie auf. Unter anderem weiß er vom lebhaften Interesse Georges an einem Wiener Dichter im Schuljungenalter, Hugo von Hofmannsthal, zu berichten. Doch der selbst noch junge George erhielt von dem Burschen und dessen Vater eine schroffe Abfuhr. Nicht weniger unglücklich verlief Georges heiße Liebe zu Maximilian Kronberger, der ihm 13jährig in München auf der Straße begegnet war. George bemühte sich intensiv um den schönen Jungen. Der Knabe bewies sogar einiges eigenes dichterisches Talent. Allerdings verstarb der Bursche bereits in jungen Jahren. Der frühe Tod des geliebten Jungen inspirierte George dazu, ihn posthum als eine Art Dichtergott zu stilisieren. In gewisser Weise erinnert dieser regelrechte Maximin-Kult an die Vergottung des Antinous, des Lieblings des römischen Kaisers Hadrian, als der Junge in den Fluten des Nil den Tod gefunden hatte. Karlauf kann nachweisen, dass solche verirrten Kulte im wilhelminischen Deutschland wie Pilze aus dem Boden sprossen - gerade München war ein Brennpunkt solcher esoterischer Kulte. Bemerkenswert erscheint Karlauf vielmehr, dass dem Maximin-Kult jeglicher Inhalt fehlte. Nichts als das strahlende, göttliche Kind, die Ausnahmeerscheinung, die jeglicher Individualität beraubt war und im Grunde eine narzisstische Reflektion des Kultbegründers darstellte. Denn in der Verklärung des Maximilian Kronberger als Maximin sieht Karlauf einen weiteren Baustein im Rahmen der eigenen Stilisierung, auf die George großen Wert legte. Er installierte seinen eigenen »Apparat«, um eine ihm gelegene Stilisierung sicherzustellen. Dafür hatte er einen eigenen Fotografen - durch ihn war gewährleistet, dass eine regelrechte Hagiographie entstehen konnte. Stefan George hatte klare Vorstellungen davon, welche Posen er vor der Kamera einnahm - so avancierte er gesteuert selbst zu einem Kultobjekt. Zwangsläufig gelangt Karlauf über den George-Kult zur nächsten spannenden Frage: das Verhältnis des »Meisters« zu Hitler. An sich war George bestrebt, seinen Kreis stets aus der Politik herauszuhalten. Zwar kommen einem einige von Georges Gedichte mit ihrer Schwärmerei für künftige Führer wie eine Prophezeiung vor. Und 1933, als Hitler an die Macht gelangte, sah George das »Dritte Reich« in direkter Linie mit seinen eigenen künstlerischen (sic!) Bestrebungen. Die Nazis trugen George sogar einen öffentlichen Posten an. Aber George biss nicht an. Und aus seinem Kreis stammte der Hitler-Attentäter Stauffenberg. Letztendlich wird man über ein ambivalentes Resümee an dieser Stelle sich nicht hinauswagen können. Mit diesem voluminösen, ausgezeichnet recherchierten Opus magnum ist wohl für längere Zeit das letzte Wort über George gesprochen. Karlauf macht es sich nicht leicht, indem er leichtfertige Urteile über George fällt. Vielmehr vermeidet er dank seines unaufgeregten, informierten Stils wirklich jegliches Zugeständnis an den Sensationalismus, für den George sicherlich ein gutes Ziel geboten hätte. Zudem zitiert Karlauf genügend Stellen aus George-Gedichten, die untermauern, worauf Georges Ruhm eigentlich begründet war. (Jürgen empfiehlt, Winter Katalog 2008)
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