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Anne B. Ragde: Das Lügenhaus

Anne B. Ragde: Das Lügenhaus

Dt.v. Gabriele Haefs. D 2009, 335 S., Pb,  10.27
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Inhalt
Drei Brüder und eine uneheliche Tochter, nur der älteste der Brüder ist zu Hause geblieben, alle anderen haben keinen Kontakt mehr zu ihren Eltern. Die Trümmer einer Familie, die komplett auf den boshaften Lügen der Mutter aufgebaut ist. Nichts gänzlich Ungewöhnliches, mag man denken, denn auf ein Fundament aus mütterlichen Lügen dürften die Mehrzahl aller Familien gebaut sein. Doch Anne Ragdes Lügenhaus ist mehr: es ist der Spiegel des verlogenen Umgangs mit Schwulen auf dem Lande. – Erlend, der jüngste der drei Söhne des herunter gekommenen Hofes Neshov im Norden Norwegens, hat seine Konsequenzen aus der desaströsen Reaktion auf sein Coming-out gezogen, er ist nach Kopenhagen gegangen, hat den Kontakt zu seiner Familie abgebrochen und lebt seitdem glücklich mit seinem Freund zusammen. Beiden scheint es an nichts zu fehlen, sie haben Berufe, die ihnen Spaß machen und ihnen ein luxuriöses Leben sichern. Auch sein Bruder Margido, der ein kleines Bestattungsunternehmen betreibt, hat schon vor Jahren nicht mehr mit seiner Familie gesprochen, obwohl er ganz in der Nähe lebt. Einzig Tor ist auf dem Hof geblieben. Er hat die unrentable Milchwirtschaft auf Schweinemast umgestellt, kennt kein anderes Leben als das Elend zu Hause und hat sich in sein Schicksal gefügt. Einmal, als er noch seinen Militärdienst leistete, war er verliebt, doch die Mutter akzeptierte die junge Frau nicht, auch dass sie von Tor schwanger war, hielt sie nicht davon ab, sie vom Hof zu ekeln. Zwar telefoniert Tor ab und zu mit seiner inzwischen erwachsenen Tochter, hält aber ihre bloße Existenz vor allen anderen, auch seinen Brüdern geheim. Auch der Vater der drei Brüder lebt noch, oder vegetiert vielmehr, denn keiner hat ihn je akzeptiert, immer wurde er als vertrottelter Paria im Haus behandelt, auch als die Brüder noch klein waren. Einzig der Großvater war so etwas wie eine positive Bezugsperson für sie. Einen Tag im Leben dieser vier schildert Anne Ragde, detailreich, liebevoll und manchmal sogar fast kitschig. Sei es, wie der rundum glückliche Erlend sich auf das Weihnachtsfest mit seinem Lover und ihren Freunden freut, sei es, wie der stoische Margido ohne Gefühlsregung einen Teenager, der sich stranguliert hat, zur Bestattung vorbereitet, oder wie Tor – völlig verdreckt – im Schweinestall arbeitet oder wie Torunn, seine uneheliche Tochter, Vorträge über den richtigen Umgang mit Hunden hält. An diesem Tag jedoch erleidet die alte Mutter einen Schlaganfall – und trotz aller Vorbehalte kommt die Familie am Kranken- und als die Mutter kurz darauf stirbt, an ihrem Totenbett zusammen. Nur mühevoll raufen sich alle zusammen, dass Erlend offen als Schwuler auftritt, sogar seinen Freund vor allen küsst, ist besonders für Tor fast unerträglich. Doch da offenbart ihnen ihr Vater, dass die ganze Familie auf einer Lüge über einen Schwulen aufgebaut ist. – Anne Ragde hat es geschafft, den perfiden Umgang mit Schwulen – Vertuschen der Homosexualität, Verstoßen, wenn dies nicht gelingt, In-die-Resignation-Treiben derer, die nicht fortgehen oder sich das Leben nehmen – in einen leichten, zuweilen heiteren und am Ende spannenden Familienroman zu verpacken. Gerade dies macht die Entlarvung, die am Ende des Buches zu einem packenden Showdown gerät, umso glaubhafter, ja geradezu verallgemeinerungsfähig, denn die Geschichte zeigt nicht nur drei schwule Lebensentwürfe, sondern zeigt auch, dass die Familie vor allem die Keimzelle gesellschaftlicher Repression ist und nur Tod, Trennung und Wahlverwandtschaft dies überwinden können. Große Wahrheiten als wunderbare Unterhaltung. (Veit empfiehlt, Herbst Katalog 2007)
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