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Tahar Ben Jelloun: Verlassen

Tahar Ben Jelloun: Verlassen

Dt. v. Christiane Kayser. D 2006, 265 S., Pb,  10.18
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Bloomsbury Berlin
Inhalt
Marokko, das Elend der Heimat verlassen, ist Azels Obsession. Obwohl er Jura studiert hat, hat sein Leben in Tanger keine Perspektive. Tag und Nacht hängt er in einer Kneipe herum, lebt von kleinen Gelegenheiten und wartet nur darauf, auf die andere Seite zu kommen, nach Spanien, ins reiche Europa. Dabei kennt er die Gefährlichkeit, von Schleppern illegal übergesetzt zu werden, genau: Schon viele seiner Freunde und Verwandten sind hierbei ums Leben gekommen, die meisten, die es schafften, wurden bald wieder von den spanischen Behörden zurück gebracht. Umso williger ergreift er die Gelegenheit, als Miguel, ein reicher spanischer Galerist und mit einer Schwäche für Marokko, sich in ihn verliebt, ihn mit nach Spanien nimmt und ihm dort Aufenthalts- und Arbeitsrecht verschafft. Doch Azel bleibt der Kleinkriminelle, der er in Tanger geworden war. Ein bisschen Dealerei, ein bisschen Veruntreuung bei den ihm von Miguel anvertrauten Geschäften – schließlich genug für Miguel, Azel vor die Tür zu setzen. Dabei hatte Miguel sich viel von seiner Beziehung zu Azel versprochen, hatte dessen Mutter immer wieder beschenkt und Azels Schwester Kenza geheiratet, um auch ihr die Möglichkeit zu geben, nach Europa zu kommen. Um diese Hochzeit auch in Marokko gültig zu vollziehen, war Miguel sogar zum Islam übergetreten. Doch während sich die – immer rein platonische – Beziehung zu Kenza zu einer aufrichtigen wenn auch distanzierten Freundschaft entwickelte, ging die Liebe zu Azel in die Brüche. Tahar Ben Jelloun erzählt diese Geschichte, indem er nicht nur die Hauptpersonen – Azel, Kenza, Miguel – sondern auch Nebenfiguren wie den beim Versuch, illegal nach Europa zu gelangen, ertrunkenen Noureddine, den Schlepper El Hadj, Azels Mutter Lalla Hohra in einzelnen Kapiteln immer wieder neu porträtiert. So wird auch Miguels Geschichte erzählt, die Azels sehr ähnlich ist, denn auch Miguel hatte sich als mittelloser Spanier aus dem damals unter Franco herunter gekommenen, perspektivlosen Spanien von einem reichen Briten aushalten lassen und diesen später beerbt. Daneben steht u.a. die Geschichte von Azels Mutter, die aus den Bergen Marokkos stammt, und in Tanger versuchte, so viel wie möglich von der Lebensweise ihrer Heimat zu bewahren. Diese völlig unsentimentalen Beschreibungen in Ben Jellouns prägnanter, kurz gefasster und bisweilen schroffer Sprache vermitteln, gerade weil sie niemals in die Nähe von Mitleid oder Wertung kommen, ein beklemmendes Bild der Aussichtslosigkeit in Nordafrika. Tahar Ben Jellouns Geschichte zeigt auch, dass Marokko bzw. Afrika zu verlassen, durchaus eine Lösung sein kann, jedoch weitaus häufiger nicht ist. Doch zuhause zu bleiben, das Land nicht zu verlassen, ist überhaupt keine Perspektive. Vor allem jedoch beeindruckt der Roman dadurch, dass es Tahar Ben Jelloun gelingt, beiden Seiten, Spaniern wie Marokkanern, jeweils beide Rollen des Verlassens ganz selbstverständlich zuzuweisen: immer wieder wollten sowohl Spanier wie Marokkaner um alles in der Welt nur ihre Heimat verlassen, wurden daran immer wieder gehindert und stets dafür verachtet. »Verlassen« erscheint so als allgemeine menschliche Bestimmung. (Veit empfiehlt, Winter Katalog 2006)
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