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Michal Hvorecky: Tahiti Utopia

Michal Hvorecky: Tahiti Utopia

Dt. v. Mirko Kraetsch. D 2021, 250 S., geb., € 20.60
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Tropen Verlag
Inhalt
Europa ist in keinem guten Zustand. Wie man anhand der heftige Debatte um das Anti-Homosexuellen- und Anti-Transgender-Gesetz in Ungarn unter Orban augenscheinlich zu sehen bekommt. Michal Hvorecky (»Eskorta« und »Troll«) ist der wohl derzeit spannendste Autor der Slowakei. In seinem neuen Buch »Tahiti Utopia« knöpft er sich den überschäumenden Nationalismus vor, der in allen möglichen Regionen des alten Kontinents aufpoppt und üble Konsequenzen nach sich zieht. In einem alternativ-fiktiven Jahr 2020 gibt es mitten in Europa noch immer ein Großungarn, das nie aufgehört hat zu existieren und seine Völker unterdrückt - so zum Beispiel die Slowaken. Eine eigenständige Slowakei existiert nicht; die Slowaken sind bei der »Neuordnung« Europas bei Ungarn gelandet. Viele Slowaken sind schon vor Jahrzehnten aus Großungarn geflohen und haben sich im Südseeparadies Tahiti angesiedelt. Im Jahr 2020 lebt schon die dritte Generation von Slowaken auf Tahiti. Weit weg von westlicher Zivilisation ist ihnen nichts Anderes übriggeblieben als sich eine neue Heimat auf einer kleinen Insel inmitten des Pazifiks aufzubauen. Die Flüchtlinge haben schnell gelernt, dieses Stück des Paradieses mit seinen wunderschönen Stränden und seinen schönen Einwohnern zu schätzen. Wie es die Slowaken in die Südsee verschlagen hat, beginnt allmählich in Vergessenheit zu geraten.

Am Anfang steht Milan Štefánik, ein Diplomat, Astronom, Dichter und General, der sein Volk dorthin geführt hat, um der Unterdrückung zu entfliehen und eine neue Slowakei zu gründen, einen Teil des Atolls für die seinen zu beanspruchen. Gleich nach dem Weltkrieg kommt der Organisator der ersten Auswanderungswelle auf die tahitianische Insel und treibt die Kolonisation voran. Immer mehr arme Flüchtlinge aus Mitteleuropa treffen ein. Die Frauen schauen sich das Oben-ohne von den Einheimischen ab. Die Männer erhoffen sich ein sorgenfreies Leben an Palmstränden und bei alltäglichem Sonnenschein. Doch ist es nicht eher Štefániks Traum gewesen, der hier vorrangig verwirklicht worden ist? Ging es ihm nicht in erster Linie um seine eigene Liebe? Denn mit den Jahren entpuppt sich die schöne tropische Utopie als gefährliches Luftschloss. Nicht nur werden die jungen Inselslowaken von Geschlechts- und Mangelkrankheiten geplagt. Nach Sonnenbränden auf den hellen Körpern pellt sich die Haut. Viele haben ihr von rassistischen Vorurteilen und altem abwegigen Nationalstolz geprägtes Denken auf die Insel mitgebracht anstatt es zurückzulassen und mit Überkommenem zu brechen. Dadurch sind Konflikte vorprogrammiert. Und diese breiten sich immer weiter aus. Dabei tun sich für die junge Nation eigentlich andere Probleme auf: verheerende Zyklone, Atomtests auf dem nahen Bikini-Atoll, steigender Meeresspiegel.

Hvoreckys »Tahiti Utopia« ist voller Seitenhiebe auf den Irrwitz europäischer Politik im vergangenen und im aktuellen Jahrhundert. So sehr europäische Geschichte während der letzten 100 Jahre auch in seiner Alternativrealität auf den Kopf gestellt sein mag, so schnell entschlüsseln sich die Anspielungen für den Leser. Der Autor geht nicht der Verführung durch die Südseeexotik auf den Leim - vielmehr hält er uns Europäern einen Spiegel vor, was nachdenklich stimmt.


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