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Natalka Sniadanko: Der Erzherzog, der den Schwarzmarkt regierte, Matrosen liebte und mein Großvater wurde

Natalka Sniadanko: Der Erzherzog, der den Schwarzmarkt regierte, Matrosen liebte und mein Großvater wurde

Dt. v. Maria Weissenböck. Ö 2021, 424 S., geb.,  25.90
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Haymon
Inhalt
Wilhelm von Habsburg gehörte zu den exzentrischsten Mitgliedern des an exzentrischen Personen keineswegs armen Hauses Habsburg-Lothringen. Der bisexuelle Vertreter eines habsburgischen Seitenzweigs führte ein Leben, wie es für eine rein fiktive Romanfigur eigentlich zu exaltiert wäre. Die ukrainische Autorin nimmt die historische Figur, lässt sie nicht 1948 in den Fängen der Sowjets als Doppelspion sterben, sondern verpasst ihm auch noch das Nachleben eines Totgeglaubten als Schwarzmarktlegende in Lemberg - in dem Land, für das er einstmals am Ende des Ersten Weltkriegs als König vorgesehen ist - ein Plan der Familie, den die Oktoberrevolution ein für alle Mal durchkreuzt hat. Die Autorin beginnt mit seinen jungen Jahren, in denen sich Wilhelms Unangepasstheit immer wieder in dessen Verhalten niederschlägt - dazu ermuntert durch seine Eltern, die ihm viele Freiheiten lassen, vor allem die Mutter, deren Lieblingsspross er ist und dem sie (fast) alle Eskapaden durchgehen lässt. Immer wieder springt der Roman bis ans Ende des 20. Jahrhunderts und eröffnet den Blick aus der Perspektive seiner Enkelin in der Ukraine auf den alten, eleganten Wilhelm, der auf sein abenteuerliches Leben voller Wendungen und Anekdoten zurückblickt, während sie wie das Land von einer Sinn- in eine Lebenskrise schlittert. In den verschiedenen Phasen dazwischen nimmt der Roman immer wieder enorm Fahrt auf: es gibt viel zu erzählen über Wilhelm, diese legendäre Figur des 20. Jahrhunderts. Als Mitglied einer der wichtigsten Dynastien Europas ist er irgendwann für die noch zu etablierende Ukraine als König vorgesehen. Leidenschaftlich engagiert er sich für die Unabhängigkeitsbestrebungen des Landes. Als aus der ukrainischen Option nichts wird, verwandelt sich Wilhelm in einen kosmopolitischen Lebemann. Die Familie greift ihm mit Geld unter die Arme, was ihm ein Luxusleben im Paris der 1920er Jahre ermöglicht. Er ist im besten Alter, durchaus fesch und gehört nicht nur dem europäischen Hochadel, sondern auch dem internationalen Jetset an. Er bereist die Welt und wandert durch die Betten schöner Menschen - von Männern wie Frauen - doch haben es ihm besonders kerlige Matrosen mit Tätowierungen angetan, was ihn mit einem verruchten Flair umgibt.
Als das kurze Experiment der Demokratie in Europa zunehmend in Bedrängnis gerät (im Osten durch den Kommunismus, im Westen durch den Faschismus), will Wilhelm sich nicht entscheiden und arbeitet im 2. Weltkrieg für beide Seiten als Doppelspion, was ihm - so will es die Geschichte - 1948 zum Verhängnis wird. In »Der Erzherzog« von Natalka Sniadanko ist es das aber nicht gewesen. »Ihrem« Wilhelm gelingt es Stalins Schergen zu entgehen und in Lemberg unterzutauchen. Er nutzt die soziale Agilität, die er sich als aristokratischer Outlaw zu eigen gemacht hat, um auf dem Schwarzmarkt zu einer legendären Größe aufzusteigen, und entwickelt sich zu dem Genussmenschen, den seine Enkelin Halyna von klein auf als solchen kennt. Doch auch für Halyna stellt sich das Leben als eines voller Umbrüche dar. Ihr Sohn kommt in einer wieder unabhängigen Ukraine zur Welt - doch der wiedergeborene Staat entpuppt sich als viel zu fragil. Für Halyna geht es darum Erwartungen auszufüllen - eine Erfahrung, die sie mit ihrem Großvater verbindet. Wie kann frau ihre eigene Geschichte leben, wenn sie von ungestümen Geschichten aus der Vergangenheit geradezu überrannt wird? Eine herrlich schräge Tour de Force durchs 20. Jahrhundert.

(Jürgen empfiehlt - Frühlings-Katalog 2021)
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