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Bob Mizer / AMG: 1000 Model Directory

Bob Mizer / AMG: 1000 Model Directory

D 2016, 2 Bde. im Schuber, 1048 S., geb.,  74.99
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Taschen Verlag
Inhalt
Schwulenmagazine - noch dazu pornografischen Inhalts - wirken heute in westlichen Ländern wie eine Selbstverständlichkeit, sind es aber früher nie gewesen. Oft stand ihnen ein Totalverbot, bzw. ein Werbeverbot für Homosexualität im Wege. In den USA - das Totalverbot hielt sich bis Ende der 1960er Jahre - kristallisierten sich nach dem 2. Weltkrieg daher die Physique Pictorial-Magazine heraus, die zwar vorgaben, männliche Fitness und Bodybuilding zu befördern, die aber in Wirklichkeit unverfängliche Pin-ups für den schwulen Mann in Zeitschriftenform lieferten. Einer der produktivsten Lieferanten von Bildmaterial für diese Magazine war Bob Mizer, der mit seiner Athletic Model Guild eine Kombination von Escortservice, Fotostudio und Kontaktanbahnungsagentur schuf - das Ganze war als Fotostudio getarnt, in dem junge, attraktive, athletische Männer ein und aus gingen, dort mehr oder weniger wohnten und dem Fotografen in Abständen als Model zur Verfügung standen. Mizer verlangte von den Jungs keine Miete. Dafür aber verwertete er ihre Fotos durch Verkauf an die boomenden Fitnessmagazine. Auch vermittelte er Sexkontakte der Jungs mit Männern, die es sich leisten konnten. Eigens dafür führte er eine umfangreiche Datei mit den Eigenschaften seiner Models - ein Vorläufer späterer Escortagenturen. Am Ende seines Schaffens hatte er Tausende junger Männer abgelichtet. Die Sammlung seiner Fotos (auch seiner Filme) ist atemberaubend groß.
Noch vor Ende des Weltkriegs begann Mizer auf noch kleiner Flamme mit seiner Männerfotografie. Er graste Fitnesshallen, Sportstudios, Wettkampfstätten nach gut gebauten, muskulösen Männern ab, die sich von ihm ablichten ließen. Die Nähe zu den aufkommenden Treffpunkten der Bodybuilderszene - den Muscle Beaches von Los Angeles - erlaubte ihm, auch dort nach seinen Objekten der Begierde zu suchen. Und er fand viele. Die Fotos, die damals entstanden, waren in Schwarzweiß gehalten und die Boys wurden als maskuline Proto-, bzw. Stereotypen inszeniert: Wagenlenker in antik anmutenden Togen und mit dem Lorbeerkranz eines Triumphators, Naturburschen, Tarzane, halbnackte Speer- und Diskuswerfer, Männer in Posen, als würden sie für eine antike Plastik Model stehen, Männer im Matrosen-Look, Arbeiter in Jeans und vieles Andere mehr. All diese sportlichen Jungs waren eingeölt, damit ihr Body besser glänzte und gut zur Geltung kam. Enge Unterhosen und Lendenschurze verhüllten die Geschlechtsteile der muskulösen Adonisse so knapp wie nur möglich. Gern fotografierte Mizer seine Models in Posing Straps, die seine Mutter eigens für diesen Zweck genäht hatte.
Komplette Nacktheit war nicht zulässig und konnte als Pornografie die Zensur auf den Plan rufen - mit allen Konsequenzen bis hin zu Gefängnisstrafen. Schon 1947 bekam Mizer Ärger mit dem Gesetz und in Folge dessen eine neunmonatige Gefängnisstrafe aufgebrummt wegen des illegalen Verbreitens obszönen Bildmaterials. Und ständig schwebte die Gefahr einer Razzia wie ein Damoklesschwert über Mizers Athletic Model Guild.
Dadurch vorsichtig geworden tarnte Mizer das AMG als Fotostudio und konnte es zu einem profitablen Unternehmen ausbauen, das fast 20 Jahre lang florierte. Doch mit der Aufhebung des Totalverbots Ende der 1960er Jahre, einem zunehmend lockererem Umgang mit nackter Männlichkeit und schließlich der Legalisierung der schwulen Pornografie verloren die Physique Pictorials ihre Bedeutung als Ersatz-Schwulenmagazine. Plötzlich kamen richtige Schwulenmagazine auf den Markt - im Pornobereich zeigten sie völlig unverhüllte Männlichkeit. Bis Mizer begriff, dass er hier nachziehen musste, war der Zug längst abgefahren. Die Physique Pictorials zeigten zwar nun völlige Nacktheit (in Farbe), aber in gewisser Weise wirkten sie neben den spritzigen, am poppigen Zeitgeist orientierten, offenherzigen und voll geouteten Magazinen wie lebende Fossile. Und dennoch hatte Bob Mizer mit seinem Werk bereits Künstler wie Tom of Finland, Robert Mapplethorpe oder David Hockney beeinflusst. In seinem Studio hatte er junge Männer fotografiert, aus denen später Stars wurden wie Steve Reeves oder Joe Dallesandro.
Zwei Bände im Schuber mit insgesamt 1048 Seiten - viele davon voller Bildmaterial aus allen fünf Jahrzehnten von Bob Mizers Schaffen - berichten von einer untergegangenen heimlichen schwulen Kultur, die sich im Wettlauf mit der Justiz behaupten wollte. Sie wollte mehr sein als bloße Wichsvorlage, wollte als Fotokunst ernstgenommen werden - während sie in ihrer Naivität heute wohl als ein Paradebeispiel für Kitsch und Camp anzusehen ist. Nichtsdestotrotz ist mit »AMG 1000 Model Directory« ein wichtiger Monolith in der schwulen Kultur des 20. Jahrhunderts ins rechte Licht gerückt worden. Ausgehend von einem einzigen Mann, der sich darin verwirklicht hat, wirkte es in die Breite und hat schwule Kunst bis heute sowie die schwule Fantasie vermutlich mehr beeinflusst, als es irgendjemand sonst konnte.

(Jürgen empfiehlt – Herbst 2017)
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