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Malou Berlin: Brandspuren

Malou Berlin: Brandspuren

D 2016, 224 S., Broschur,  15.32
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Querverlag
Inhalt
»Brandspuren« ist das erste Buch von Malou Berlin, das ich gelesen habe. Das Thema des Romans ist ebenso aktuell wie hochbrisant: Der Roman thematisiert ausländerfeindliche Gewalt in Ostdeutschland - nicht nur in seiner aktuellen Ausformung. Heute, mit Ankunft der Flüchtlinge häufen sich xenophobe Übergriffe in Neufünf­land. Doch diese kommen nicht aus dem Nichts - sondern haben eine Vorgeschichte. Eine solche Vorgeschichte spielt in »Brandspuren« eine Rolle. Ein spannend zu lesendes Buch vor einer aktuellen Entwicklung.
In »Brandspuren« ist Anna, eine junge Frau aus der brandenburgischen Kleinstadt Ratzlow (fiktiv), gerade dabei mit ihrer engsten Freundin Jale - einer Deutschtürkin - in Berlin ein eigenes Modelabel mit selbstgeschneiderten Klamotten zu gründen. Inmitten ihrer Suche nach einem geeigneten (und erschwinglichen) Geschäftslokal fährt Anna zu ihrer Großmutter nach Ratzlow zu Besuch. Anna liebäugelt mit der Idee, im Haus ihrer Großmutter eine Schneiderwerkstatt aufzumachen. Genug Platz wäre ja da. Aber Jale ist bei dem Gedanken, in die brandenburgische Provinz zu gehen (bei all dem, was sich über die rassistische, ausländerfeindliche Stimmung dort herumgesprochen hat), nicht begeistert. Als Deutschtürkin fürchtet sie Ressentiments und Übergriffe - etwas, dass Anna nicht ganz von der Hand weisen kann.
Während der Kontakt Annas zu ihrer Mutter Petra faktisch abgebrochen ist, ist der zu ihrer Großmutter Wilma eigentlich ganz gut. Wilma gilt in ihrer Umgebung als ebenso resolut wie kauzig. Sie kommt nur mit wenigen Leuten überhaupt klar und schätzt es zumeist, wenn diese sich klar und kurz ausdrücken. Sie mag Geschwafel gar nicht und gilt in diesem an eine Dorfgemeinschaft erinnernden Städtchen als Eigenbrötlerin. Zu DDR-Zeiten hat sie die deutsch-sowjetische Freundschaft im Ort organisiert. Nun lebt sie einsam in ihrem Häuschen und freut sich über jeden Besuch ihrer Enkelin, die vor Jahren aus Ratzlow weggegangen ist, um in Berlin Design zu studieren.
Anna ist zwar eine Lesbe, lebt aber völlig asexuell - etwas, worüber sich ihre Freundin Jale gerne mokiert. Jale wiederum ist verheiratet mit einem Türken, der in Berlin Kreuzberg ein Lokal betreibt. Die beiden Frauen - die Landpomeranze und die lebenslustige Türkin - bilden trotz ihrer Verschiedenheit ein gutes Team. Und wäre Anna nicht asexuell, wäre eine lesbische Beziehung zwischen den beiden Frauen durchaus denkbar. Die beiden verbindet eine gewisse Zärtlichkeit, aber auch Fürsorglichkeit. Es soll nicht sein.
Im Zuge ihrer Recherchen zu Ratzlow stoßen die beiden Frauen auf verstörende Fakten über die jüngere Vergangenheit des Heimatstädtchens von Anna: Zwanzig Jahre zuvor hatte es im Haus einer türkischen Familie gebrannt. Alle Bewohner haben das schreckliche Ereignis lebend überstanden – wenn auch verletzt. Alles sah nach einem fremdenfeindlich motivierten Brandanschlag aus. Doch ein Täter hat nicht ermittelt werden können. Die Familie ist weggezogen. Und irgendwie ist Gras über die Sache gewachsen. Es sieht danach aus, als wäre da etwas vertuscht worden.
Aber das ist nicht alles: Das betroffene Haus, in dem die türkische Familie gelebt hatte, ist direkt gegenüber von dem, in dem Annas Großmutter wohnt. Das wirft Fragen auf, die Anna nicht beantworten kann. Sie hat nichts davon gewusst. Und nicht einmal auszuschließen ist die naheliegende Vermutung, dass ihre Großmutter mehr darüber wissen könnte. Warum ist über ein derart immenses Ereignis nicht gesprochen worden? Nicht einmal innerhalb der Familie. Sollte da etwas totgeschwiegen werden? Wenn ja warum?
Mit diesen bohrenden Fragen, die das Potenzial haben, das Verhältnis zwischen Großmutter und Enkelin zu zerstören, reist Anna wieder allein nach Ratzlow, um ihre Großmutter mit ihren Fragen zu konfrontieren. Die unbequemen Antworten führen zu einem unerwarteten Umgang mit der belasteten Vergangenheit und zu einem Umdenken. Zu viel will ich nicht verraten - die Spannung soll erhalten bleiben. Ein - wie ich finde - aktuelles Buch, das einen Blick unter die Decke rechtsextremer Gewalt in Ostdeutschland wirft und die Frage nach der Verantwortung schweigender Mitbürger stellt.

Jürgen empfiehlt (Winter 2016/17)
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