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Edmund White: City Boy

Edmund White: City Boy

Mein Leben in New York. Dt. v. Joachim Bartholomae. D 2015, 320 S., geb.,  23.63
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Bruno Gmünder
Inhalt
Edmund White (Jahrgang 1940) verbrachte die 1970er Jahre und einen Teil der 1980er in New York City, bevor er zu Beginn der Aidskrise die USA verließ und lange Zeit in Frankreich lebte. »City Boy« ist ein weiterer Memoirenband, der sich mit seiner New Yorker Zeit - der prägenden Wirkung dieser Stadt auf ihn als schwulen Mann und Schriftsteller - befasst. Die Namen der Personen, die er während dieser Zeit kennenlernte, von denen er als angehender Autor auch oft inspiriert und/oder beeinflusst wurde, bzw. mit denen er auch über Liebschaften und/oder Freundschaften verbunden war, lesen sich wie ein Who’s Who des US-amerikanischen Kulturbetriebs im 20. Jahrhundert. Allen Ginsberg, William S. Burroughs, Truman Capote, Elizabeth Bishop, Georges Balanchine, Michael Denneny, Christopher Isherwood und Don Bachardy, Fred Halsted, James Merrill, Robert Mapplethorpe, Charles Silverstein, Susan Sontag - und das sind bei weitem nicht alle, die sich hier anführen ließen - das Ganze nimmt phasenweise die Züge von Namedropping an. Aber der Leser wird ihm das gerne verzeihen. Denn über das, was er zu berichten weiß, ist er bestens informiert. Man erfährt eine Menge über die Art und Weise, wie seine Bekannten und Freunde tickten. Oft geht er sehr weit in dem, was er ausplaudert. Auch vor intimen Details macht er keinen Halt. Es geht ihm dabei darum, das Denken der Leute von damals zu verdeutlichen. Es hebt sich deutlich ab von dem, wie die New Yorker heute drauf sind. Heute ist die Stadt fest im Griff des Kapitalismus, des Kommerzes und - aufs Menschliche umgelegt - des Karrierismus. Auch zeigt White in seinen Memoiren, wie sich seine Bekannten- und Freundeskreise sowie seine Netzwerke im Kulturbetrieb allmählich herauskristallisierten und in welchem wechselseitigen Verhältnis sie aufeinander bezogen waren.

White gelingt es gut, den Wechsel in der Mentalität bei den ihn umgebenden Menschen in Worte zu fassen und treffend zu charakterisieren. Der Umgang in den 1970ern und 1980ern war legerer. Das künstlerische Klima in New York wirkte sich günstig auf eine ganze Generation von Autoren und Kunstschaffenden aus. In New York schien man plötzlich - mehr als woanders auf der Welt - sich am Puls der Zeit zu befinden.

In den Jahren nach der Sexuellen Revolution und Stonewall kristallisierte sich eine Art sexueller Hunger heraus, der die karge bleierne Nachkriegszeit kompensieren sollte und in eine Art sorgloses Schlaraffenland mündete. Homosexualität, bzw. Bisexualität war plötzlich schick. Und die schwule Discoära schien gerade in New York ihr kulturelles Epizentrum gefunden zu haben. Man (gemeint ist: schwuler Mann in New York) definierte sich im Gegensatz zur Provinz und vor allem im Gegensatz zur kalifornischen Konkurrenz. Das Leben im New York dieser Zeit war einfach faszinierend - kein Wunder, dass es so viele Leute (nicht nur Schwule) in die Ostküstenmetropole zog.

New York (mit seiner Multikulti-Bevölkerung, den heruntergekommenen Stadtvierteln, den budgetären und Sicherheitsproblemen und seiner liberalen Stadtregierung) galt als ebenso abenteuerliches wie gefährliches Pflaster. Dies traf auch auf das Leben der damaligen Schwulen zu. Häufig - auch Edmund White - wurde man Zeuge von Überfällen, Einbrüchen, Drogendeals - das war so alltäglich, dass man sich daran gewöhnte und es einem vor allem dann erst auffiel, wenn man im Ausland war, in dem alles friedlich und geordnet zuging. Nach den Stonewall Riots entfaltete sich eine facettenreiche Subkultur voller Sexclubs, Saunen und Lederlokalen. Endlich nach Ewigkeiten der Verfolgung durch die Polizei konnte man sich ausleben - und man versuchte sich bewusst vom Leben der heterosexuellen Mehrheit im Rest der USA abzuheben. Der Big Apple war eine Welt für sich. Das subkulturelle Milieu eroberte zusehends die Mainstream-Kultur. Schwule saßen plötzlich an Schlüsselstellen im Kulturbetrieb. Für White besonders wichtig diejenigen von ihnen, die im Verlagswesen arbeiteten. Unter ihnen gab es einige die White in seinem Schreiben ermutigt und gefördert haben, ihm Türen aufschlossen, die sonst vielleicht für ihn allein verschlossen geblieben wären. Sicherlich auch einige, die ihm den Weg gewiesen und geebnet haben. Und mit manchen ist er sicherlich auch ins Bett gegangen, um weiterzukommen in seiner Schriftstellerkarriere. Sex war leicht und überall zu haben - gerade in New York. White beschreibt sehr schön, wie das - was wir in unserer heutigen biederen Zeit unbedingt in einer Person zusammengeführt haben möchten - damals völlig selbstverständlich und unkompliziert auseinanderfallen durfte: Freundschaft, Liebe und Ficken. Die Auswirkungen der Sexuellen Revolution waren zu spüren und eine Leichtigkeit im Umgang mit anderen Menschen, die bald zu Ende gehen sollte.

Auch politisch waren es andere Zeiten. Politisch tendierten die Intellektuellen bis in die 1970er Jahre hinein nach links - eigentlich extrem links - der Kommunismus galt als schick. Erst allmählich - abgesehen von einigen verbissenen Ideologen - setzte sich die Erkenntnis durch, was der Kommunismus anderswo in der Welt angerichtet hatte - insbesondere Schwule nichts von ihm zu erwarten hatten. Es setzte eine allgemeine Desillusionierung ein, die besonders in New York zu einem stärkeren Individualismus führte und zu einer Konzentration auf die eigene persönliche Karriere.

Und dann kam Aids - überhaupt ein mächtiger Umbruch, der die Menschen New Yorks, die Stadt und die Mentalität grundlegend und unumkehrbar veränderte. Die Krankheit, die lange falsch eingeschätzt und weitgehend in ihren Dimensionen unterschätzt wurde, veränderte für die Schwulen alles. Sex, Drugs and Rock’n’Roll ging schlagartig zu Ende. Plötzlich war es nicht mehr schick schwul oder bisexuell zu sein. Selbst Schwule erinnerten sich auf einmal ihrer heterosexuellen Anteile. Und eine lähmende Angst, die Edmund White beschreibt, breitete sich aus. Zudem kam das Sterben. Junge Leute wurden aus dem Leben gerissen. Eine Krise nahm ihren Anfang, in deren Verlauf das höchste Lebensziel unter Schwulen von geilem Sex zu gutem Geld mutierte. Dabei schmerzt White die Ignoranz des republikanischen Präsidenten Reagan noch heute - er, der er die Macht gehabt hätte, rasch und wirkungsvoll Maßnahmen zur Eindämmung der Aidskrise zu ergreifen, betrachtete es nicht als seine Aufgabe, irgendetwas zu unternehmen und machte sich durch sein bewusstes Übergehen der Krise am Tod von vielen Betroffenen mitschuldig. Zu viel Zeit verstrich ungenutzt.

Der Umbruch, den die Aidskrise im Lebensstil und in der Stimmung schwuler Männer (selbstverständlich nicht nur in New York) bewirkte, ging einher mit sichtbaren Veränderungen im (topografischen) Erscheinungsbild und in der Mentalität der ganzen Metropole. Unter dem neuen republikanischen Bürgermeister Giuliani in den 1990ern und seiner Zero-Tolerance-Politik begann sich das Denken der Leute zu drehen. New York wurde gefühlt sicherer, schicker und geldgieriger. Ganze Bezirke gerieten in den Gentrifizierungssog. Und die Schwulen zogen mit. Ein Überleben wurde insbesondere für die Unterschichten immer schwieriger - es sei denn, man hatte einen Job, der genug Geld abwarf, um gut leben zu können. Die Multikulti-Communities wurden immer mehr aus dem Stadtzentrum verdrängt. In »City Boy« zeigt Edmund White ganz gut, wie all diese Einflüsse um ihn herum (verkörpert durch Personen wie Dean Howard oder Susan Sontag - in denen sich für ihn Berufliches und private Freundschaften häufig vermischten) und die Veränderungen im Stadtbild wie im Denken der Leute seine eigenen Sichtweisen und auch den Zugang zum Schreiben reifen ließen, wie aus dem unproduktiven, unsicheren jungen Autor der wohl wichtigste noch lebende, schwule US-Autor des 20. Jahrhunderts werden konnte. Er beschreibt nicht nur die Entstehung vieler seiner Bücher im Kontext der Zeit, sondern damit auch gleich einen Kosmos, den New York heute - spätestens seit 9/11 - so nicht mehr verkörpert. »City Boy« ist ein kluges Buch, das Entwicklungen sehr griffig rüberbringt und auch ein sehr persönliches Bild der beschriebenen Personen zeichnet - angefangen beim Autor selbst.

Jürgen empfiehlt - Sommer 2016)
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