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Francine Prose: Die Liebenden im Chamäleon Club

Francine Prose: Die Liebenden im Chamäleon Club

Dt. v. Susanne Aeckerle. D 2016, 544 S., geb.,  23.63
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C. Bertelsmann
Inhalt
Lou Villars ist der literarische Name von Violette Morris, deren Romanbiografie Francine Prose mit »Die Liebenden im Chamäleon Club« geschrieben hat. Lou wächst Anfang des 20. Jahrhunderts in einem von Nonnen geführten Internat auf – dort wird sie von einer ungewöhnlichen Nonne »entdeckt«, deren Bruder seine pseudowissenschaftlichen Nahrungsergänzungs-Mittelchen versucht zu vertreiben. Dass Lou besonders sportlich und kräftig ist, dazu zäh und willensstark, fällt dem Geschwisterpaar sofort auf, und so trainieren sie das junge Mädchen zur Athletin. Weil Lous Eltern keine besondere Sorgfalt für ihre Kinder an den Tag legen, gelingt es Nonne und Bruder auch, Lou als Attraktion für öffentliche Werbeveranstaltungen ihrer Produkte einzusetzen, und so tingelt das Trio durch Frankreich. Freilich fühlt sich Lou rasch – zu recht – benutzt und läuft davon; sie landet in einem Pariser Nachtbar, dem Chamäleon Club, der ihre neue Heimat werden soll. Im Chamäleon Club findet Lou so etwas wie eine Heimat – vor allem aber verliebt sie sich in eine der Revue-Tänzerinnen. In diesem Club verkehren auch der ungarische Fotograf Gabor Tsenyi (der literarische Name für den historischen Fotografen Brassaï) und die Gräfin de Rossignol, Miterbin eines der renommiertesten Autohersteller Frankreichs. Sie ist es auch, die bald weitere Qualitäten von Lou entdeckt, Lou wird zur einer erfolgreichen Autorennfahrerin. Doch ihr offenes Geheimnis, immer wieder Affären mit Frauen zu haben, wird ihr zum Verhängnis: Sie wird als Sportlerin gesperrt, auch als aktive Athletin kann sie nicht an den Olympischen Spielen teilnehmen, wofür sie realistische Chancen gehabt hätte. Doch 1935 wird sie vom SS-Sicherheitsdienst angeworben, sie kommt als Hitlers Ehrengast zu den Olympischen Spielen nach Berlin – nur um dort zu verraten, wo die Maginot-Linie, der französische Befestigungsgürtel gegen Deutschland endet und von der Wehrmacht umgangen werden konnte. Während der Besetzung Frankreichs durch Hitlerdeutschland lebt sie in Paris – und obwohl sie eigentlich eine glühende Nationalistin und Verehrerin Jeanne d’Arcs ist, kollaboriert sie weiter mit den Deutschen, verrät Résistance-Gruppen, foltert Franzosen und hintertreibt Widerstandsaktionen. Das wird ihr schließlich zum Verhängnis: Ein Résistance-Gericht verurteilt sie in Abwesenheit zum Tode, Lou Villars wird 1944 ermordet, ihre Leiche verstümmelt.

Francine Prose hat diese Romanbiografie als literarische Kollage geschrieben, äußerlich eine vorgebliche Materialsammlung, bestehend aus einer fiktiven Lou-Villars-Biografie, sowie Briefen, Romanen und persönlichen Aufzeichnungen aus Lou Villars Umfeld. Zusammengehalten wird dies natürlich durch eine fiktive als Sachbuch gehaltene Biografie einer anderen Autorin, die ihrerseits ihre feministischen Skrupel an ihrer Beschäftigung mit der zwiespältigen Lou Villars in den Text einarbeitet. Ein geschicktes literarisches Manöver, denn so gelingt es Francine Prose, die sachlich-biografische Darstellung mit einer kritischen Perspektive zu brechen, die ebenso gerechtfertigt wie anachronistisch ist. Genau diese Mischung aus Verfremdung und sachlicher Präsentation ist das Grundmuster der Roman-Biografie und bringt einen Grundzug des Lebens der Lou Villars zum Ausdruck, einer Person, die aus den härtesten Widersprüchen zusammengesetzt erscheint: erzkatholisch einerseits, offen lesbisch und in ständig wechselnden Affären lebend andererseits; französisch-nationalistisch und doch eine Kollaborateurin der deutschen Besatzer; brutal zu allen, ihre Folterungen waren berüchtigt, und auch zu sich selbst – weil ihr als Rennfahrerin ihre Brüste beim Lenkrad hinderlich waren, ließ sie beide kurzerhand amputieren. Aber auch rein als Lesevergnügen ist die Anlage als Kollage gelungen, auch wenn anfangs der rote Faden nicht immer deutlich wird. Denn es entsteht nicht nur ein vielstimmiges Zeitkolorit der Pariser Bohème der Zwischenkriegs- und Besatzungszeit, es entstehen eigene Spannungsbögen und Cliffhanger der Nebenfiguren, die aus einer zugegeben an sich schon interessanten Biografie einen packenden Abenteuer- und Gesellschaftsroman machen. Zugleich wird aus einer Figur – Lou Villars ist ja nun wirklich keine Sympathieträgerin – die sich wohl nur zur Antiheldin geeignet hätte, letztlich doch der Star einer schaurigen Geschichte, die man letztlich einfach nur noch wissen will. Das Buch ist also ein echter Page-Turner, bestens geeignet für an einem langen Wochenende atemlos gelesen zu werden.

(Veit empfiehlt - Sommer 2016)
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