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Nigel Barley: Bali - das letzte Paradies

Nigel Barley: Bali - das letzte Paradies

Dt. v. Anke Burger. D 2015, 330 S., Broschur,  27.95
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Inhalt
Walter Spies war ein in Moskau geborener Deutscher, bei dem sich früh ein Allround-Talent zeigte und das - wie dieser Roman von Nigel Barley zeigt - einen idealen Einsatzort fand. In der Zeit kurz nach dem Ersten Weltkrieg hatte Spies als junger Mann eine Affäre mit dem deutlich älteren, deutschen Regisseur Friedrich Murnau (Filme wie »Nosferatu« und das süßliche Südseedrama »Tabu« stammen von ihm). Von ihm schaute sich Spies viel von der Kunst des Filmemachens ab. Als Anfang der 1920er Jahre die Beziehung der beiden zerbrach, verließ Spies kurz entschlossen Deutschland und ging nach Niederländisch-Indien (dem heutigen Indonesien - damals unter niederländischer Kolonialherrschaft stehend). 1927 verschlug es Spies in das Inselparadies Bali - anders als andere Europäer verstand er Mentalität und Tradition der Balinesen so gut, dass es ihm gelang, sich an die Kultur Balis anzupassen und wie einer der ihren anerkannt zu werden. Ein paar Jahre nach Spies‘ Ankunft auf Bali setzt der Roman von Nigel Barley, der im Hauptberuf Ethnologe ist, ein. Er fiktionalisiert die Zeit, die Spies auf Bali verbracht hat. Der junge Niederländer Rudi Bonnet kommt nach Bali und trifft dort mehr oder weniger zufällig auf Walter Spies. Die beiden werden schnell Freunde, Geliebte, Künstlerkollegen, Hausgenossen. Für Bonnet, den Spies liebevoll »Bonnetchen« nennt, ist auf Bali alles exotisch, ungewohnt und schwer verständlich. Spies dagegen kennt sich aus, hat für alles eine Erklärung und eröffnet dem jungen Freund (und damit dem Leser) die balinesische Kultur mit ihren Ritualen, Traditionen, Lebensweisen, Absonderlichkeiten. Wie Spies hat auch Bonnet bald junge männliche Geliebte unter den Balinesen - wie für Spies sind diese schönen, ungezwungenen Balinesen neben Freunden und Geliebten auch irgendwie Modelle, Spießgesellen, Mitbewohner, Dienstjungen und Ko-Künstler - die persönlichen Beziehungen sind fließend und selten klar abgegrenzt. Oft unternehmen die beiden mit den Jungs Spritztouren und Überlandfahrten quer durch die Insel und lassen es sich, ohne viel über das Morgen nachzudenken, unter der tropischen Sonne gutgehen. Sie genießen die Natur, die mit Abenteuern und exotischen Tieren gespickt zu sein scheint, und ihre Freundschaft. Spies überkommen ständig neue Ideen, die seine vielfältigen Talente reflektieren. Er malt. Ist ein Bild erst mal fertig, will er es so schnell wie möglich loswerden (oft für Lebensmittel und andere Tauschwaren - denn Geld hat er eigentlich keines). Er spielt ausgezeichnet Klavier und komponiert auch. Er plant Häuser - nicht nur für sich selbst, sondern auch für Freunde und Leute, von denen er sich etwas verspricht. In seinem Haus beherbergt er schließlich so illustre Figuren seiner Zeit wie Charlie Chaplin, die österreichisch-amerikanische Autorin Vicki Baum (»Menschen im Hotel«) oder die toughe Ethnologin Margaret Mead, die Spies‘ Expertise schätzt, wenn es darum geht, ethnologische Details der balinesischen Kultur in Erfahrung zu bringen. Wunderbar sind die Szenen des Buches, in denen Mead auftritt und sich aufregt, weil die Balinesen sich nicht so verhalten, wie sie es laut ihren ethnologischen Theorien eigentlich erwarten würde. Er kennt die balinesische Natur wie seine Westentasche; hat etwas für die vielfach unberührten Schönheiten und Gefahren der Natur Balis übrig. Sein Haus liegt idyllisch am Rand des Ortes - nahe des Dschungels. Er unterrichtet bei Hof. Auch macht sich Spies sein filmisches Talent zunutze und realisiert mit jungen und älteren Balinesen eine Dokumentation über den Kecak-Tanz, in dem der göttliche Affengeneral Hanuman seine Affenarmee gegen die Armee der Dämonen mobilisiert. Die hauptsächlichen Akteure tragen furchteinflößende Masken - die jungen halbnackten Männer agieren als Affenarmee. Bis Spies nach Bali gekommen ist, war diese Tanztradition von Vätern an ihre Söhne und von diesen wiederum an deren Söhne durch Nachahmung und Mitmachen weitergegeben worden - nichts davon ist je aufgezeichnet worden - nicht einmal durch die niederländische Kolonialverwaltung, die die balinesische Kultur als primitiv und nicht einer wissenschaftlichen Aufmerksamkeit würdig erachtet hat. Spies ist nun der erste, der mit seinem Dokumentarfilm den Kecak für zukünftige Generationen auf Celluloid festhält. Eine seinerzeit wertvolle Quelle - die allerdings aus heutiger ethnologischer Perspektive auch prekär ist, da er mit seinen Regieanweisungen den Tanz in eine bestimmte Richtung gelenkt zu haben scheint. Die Aktivitäten, die Spies auf Bali entfaltet, machen ihn unter den Einheimischen zu einem gern gesehenen Gast, zu einer kleinen beliebten Berühmtheit. Gebracht hat es ihm letztendlich nichts. Denn - obwohl er nichts mehr mit Deutschland am Hut gehabt hat und auch keine Intentionen hatte, je dorthin zurückzukehren - wird er zu einem Opfer der politischen Entwicklungen. Die Kolonialverwaltung beginnt mit einer regelrechten Jagd auf Homosexuelle, die angeblich die Moral der Balinesen untergraben sollen. Diese wird von den Einheimischen nicht allzu sehr mitgetragen, da die Initiative dazu aus dem verhassten Java kommt. Ganz entziehen kann man sich auf Bali den bürokratisch verordneten Polizeiaktionen jedoch nicht. Spies wird verhaftet und wegen »widernatürlicher Unzucht« angeklagt. Kaum, dass er wieder frei ist, wird er Opfer der zweiten großen Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Im Deutschen Reich haben die Nazis die Macht übernommen. Und als der 2. Weltkrieg beginnt, besetzt die Wehrmacht die Niederlande. Niederländisch-Indien ist eine Art freie Rest-Niederlande - und die deutschen Staatsbürger dort (also auch Walter Spies) sind von einem Tag auf den anderen feindliche Ausländer. Walter Spies wie viele andere Deutsche dort werden interniert und sollen schließlich per Schiff auf eine Gefangeneninsel abtransportiert werden. Dieser Gefangenentransport wird jedoch von japanischen Kampffliegern angegriffen - eine Attacke, die die japanische Invasion Niederländisch-Indiens vorbereiten soll. Zusammen mit vielen anderen Mitgefangenen ertrinkt Walter Spies 1942 jämmerlich im Indischen Ozean. Nigel Barleys Roman über Walter Spies und Bali schildert eine exotische, noch recht naturbelassene Inselwelt, die - der Tourismus steckt noch in den Kinderschuhen - vielfach noch unberührt ist und in ihrer mythischen Weltsicht sich seit Jahrhunderten kaum verändert hat. Das Buch lässt den Leser auf wunderbare Weise das Denken und Verhalten der Balinesen aus der Perspektive eines eingeweihten Europäers nachvollziehen. Man erfährt im Rahmen von Geschichten, Anekdoten und Mythen viel über diese exotische Kultur, wie sie einstmals war. Der Autor schafft es diese größtenteils verlorene Welt in tropischen Bildern voller Opulenz und Mystik vor dem inneren Auge des Lesers wieder erstehen zu lassen. Man merkt dem Autor an, dass er von Beruf Ethnologe ist und sich wunderbar in der Materie auskennt. Er verleiht auch der historischen Figur des Walter Spies reiche Facetten. Sie wird zu einer Figur aus Fleisch und Blut für den Leser, mit brillanten Aspekten ebenso wie Schattenseiten und Ticks. Mich hat das Buch von der ersten bis zur letzten Seite in den Bann gezogen und fand es schade, als es ausgelesen war. Es ist eine wunderschöne Reise (kostensparend) in eine exotische Welt.
(Jürgen empfiehlt - Winter 2015)
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