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Patrick Ness: Mehr als das

Patrick Ness: Mehr als das

D 2014, 510 S., geb.,  20.99
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cbt
Inhalt
Seth ist fast 17, als er in der eiskalten See vor der Nordostküste Amerikas ertrinkt. Doch nach einem zeitlich nicht fassbaren Moment des Blackouts kommt Seth wieder zu sich, in einer offenbar seit Jahren entvölkerten und vielerorts zerstörten Welt, die Seth als den Vorort Londons erkennt, in dem er als Kind lebte. Von dort zog seine Familie fast fluchtartig fort, nachdem Seths kleiner Bruder durch eine Entführung schwer traumatisiert wurde. Dass den damals 8jährigen Seth zumindest eine Mitschuld an diesem schrecklichen Vorgang trifft, würden seine Eltern zwar stets bestreiten, unterschwellig fühlt Seth den Vorwurf jedoch ständig. Seine Liebe zum Klassenkameraden Gudmund will Seth darum ganz für sich, mehr noch als der schwule Sex ist es die Intimität der für alle anderen verschlossenen, weil unbekannten Welt des trauten Zusammenseins mit Gudmund, die für Seth so wertvoll ist. Doch diese Welt zerbrach, als die beiden Jungs durch ein zwar harmloses, dafür umso innigeres Selfie einer Umarmung geoutet werden. Als Gudmunds Familie dann auch noch jeden weiteren Kontakt verbot, sah Seth keinen Ausweg mehr. Wie er freilich dann an den Ort seiner Kindheit gelangte und was hier geschehen sein mag, ist ihm schleierhaft. Seth kann sein Überleben durch Instant-Nahrung aus Supermärkten und nützlichen Sachen aus Baumärkten bewerkstelligen, die offenbar von einem Tag auf den anderen aufgegeben wurden. In Tomasz und Regine findet er zwei Schicksalsgenossen, ebenfalls Teenager, die genau wie er nach einem gewaltsamen Tod in dieser Welt gelandet sind, allerdings hier schon erste Zusammenhänge entdeckt haben. Denn was Seth zunächst für seine persönliche Hölle hält, scheint vielmehr die Realität zu sein - die Welt hingegen, in der er bislang zu leben glaubte, erscheint im Licht seiner neuen Erfahrungen als Matrix-hafte Vorspiegelung. Denn die drei Gefährten entdecken riesige Hallen, in denen Menschen in sargähnlichen Boxen offenkundig in einem Tiefschlaf und dabei in einer Traumwelt gehalten werden. Ein Wächter, mehr Roboter oder Android als Mensch, kümmert sich um alles - und stellt den Dreien nach, die davon überzeugt sind, das bewaffnete Wesen wolle sie endgültig töten. In diesem rasant erzählten Überlebenskampf ergreifen Seths Erinnerungen immer mehr Besitz von ihm, er träumt zuweilen so intensiv, dass er immer wieder versucht nicht einzuschlafen.
Tatsächlich fällt es nicht nur Seth, sonder auch Leser und Leserin zunehmend schwer zu entscheiden, was nun wirklich Realität, was tatsächlich Erinnertes, was nur vermeintlich Wahrheit ist. Das liegt vor allem daran, dass Autor Patrick Ness neben allen Versuchen der Drei, sich ihr Leben und die Welt, in der sie sich finden, zu erklären, Widersprüche, Unstimmigkeiten und Obskures stehen lässt: nicht alles passt in die Muster, die freilich immer auch ein Stück weiterführen. Zugleich wird hier auch das Thema des Buches, das auch sein Titel ist, deutlich: Es gibt immer »mehr als das«, was wir vorfinden, erkennen und bereits haben - und zwar nicht, weil es uns durch eine höhere Fügung gewährt würde und wir nur das Geschenk anzunehmen bräuchten, sondern weil - und nur wenn - wir wollen, dass es mehr als das gibt. Auch Seth wird klar, dass es mehr als das gibt, was er als den unwirtlichsten aller Orte erlebt, dass er zu Gudmund zurück will, aber dass er mehr als nur das Glück mit und die Liebe zu ihm will.
Wie nah freudige Sehnsucht und tiefe Verzweiflung freilich liegen, lässt Patrick Ness durch die kunstvolle Kopplung von Anfang und Ende des Buches klar werden. »Mehr als das« gibt es für Seth dadurch, das sein Freitod am Anfang seiner Hoffnung steht. Eine steile Perspektive, der man sich zu stellen trauen muss.

(Veit empfiehlt - Herbst 2015)
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