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Mary McCarthy: Die Clique

Mary McCarthy: Die Clique

Dt. v. U. v. Zedlitz. D 2015, 500 S., geb.,  22.62
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Ebersbach und Simon
Inhalt
Die Frühform eines Episodenromans liest sich zugleich wie die fortschrittliche Ideengeberin für Serien wie »Sex and the City«. Acht junge Frauen haben sich im renommierten New Yorker Vassar College zu einer Clique zusammengetan, nur zum Teil aus Sympathie, zum Teil auch, um an einen begehrten Trakt des Wohnheims zu kommen. Diese Verbindung bleibt auch nach der Collegezeit eine mitunter spannungsreiche Freundschaftsgeschichte, von der der Roman erzählt. Er beginnt 1933, als die erste von ihnen heiratet – und schon in dieser Szene zeigt sich, das Missbilligung und Lästern der Kitt jeder dauerhaften Freundschaft sind. Denn Kay, die von allen aus den am wenigsten wohlhabenden Verhältnissen stammt, bestand auf einer kirchlichen Hochzeit in einer evangelikalen Gemeinde, wo sie doch selbst einen familiär mormonischen Hintergrund hat und strikt atheistische Ansichten hat und ihr Bräutigam religiös völlig gleichgültig ist. Doch, so befinden ihre reichen Freundinnen, das hat schon seine kleinbürgerliche Stimmigkeit. Doch angesichts der Weltwirtschaftskrise bröckelt der Reichtum bei allen – und das ist es, was den jungen Frauen auf einmal ungeahnte Freiheiten ermöglicht. Denn in der Krise wird es zunehmend selbstverständlich, dass auch sie allein in New York leben und eigenständig für ihren Unterhalt sorgen. In dieser Selbstständigkeit entwickeln sie moderne und liberalere Ansichten, lösen sich von der zumeist konservativen Sicht ihrer Elternhäuser, die sie bis zum College noch ungefragt kopiert hatten. Doch diese vordergründige Fortschrittlichkeit stößt an ihre Grenzen, die sich nicht nur daran zeigt, dass alle mehr oder weniger unglücklich sind außer der lesbischen Elinor, die alle Lakey nennen; das Elinor offen mit ihrer Lebensgefährtin auftritt, schockiert die anderen nicht. Außer Abfälligkeiten über die offenkundig nicht besonders kluge Adlige aus Europa fällt ihnen kaum etwas ein. Zuvor freilich klären sich die Frauen nicht nur über diverse Sexpraktiken auf, lassen sich von den ersten praktizierenden Frauenärztinnen versichern, dass jede Form von Sex gut ist, solange er Lust bereitet; sie informieren sich über Verhütungsmittel, diskutieren außerehelichen Geschlechtsverkehr und wie man mit Impotenz umgeht.
Kurz: Über weite Passagen ist »Die Clique« ein Roman über die sexuelle Emanzipation der Frau. Doch neben dieser lebensfrohen Sicht baut sich alsbald und unentrinnbar ein Schatten auf: Die Freundinnen scheitern immer wieder, weil sie ihre Freiheiten nur begrenzt wollen, ja regelrecht nur in Maßen ertragen können. Immer wieder kippen Ansichten und Verhaltensweisen in die alten Muster, werden überkommene Kategorien der Anständigkeit und der Erwartungen bedient und nachgelebt – neuer Wein in alten Schläuchen. Einzig Elinor setzt sich als lesbische Frau gänzlich über die Konventionen der Herkunft hinweg, die der Roman unausgesprochen als amerikanisch identifiziert; sie geht nach Europa, studiert weiter und gestaltet ihre Beziehungen zu Frauen gerade nicht als abgewandelte Form der Ehe. Die Ehe ist überhaupt einer der zentralen Kritikpunkte des Romans, auch wenn diverse Möglichkeiten durchgespielt werden, wie dieses Lebenskonzept zeitgemäß gestaltet werden könnte: als Zweckgemeinschaft oder als reine Wirtschaftsgemeinschaft, als offene Beziehung, die sexuelles und intimes Begehren entkoppelt oder als Ehe, die geradezu den Seitensprung als Beziehungskitt etabliert. Letztlich, das ist fast schon eine tragische Einsicht, hilft nicht einmal die Scheidung.
Der Roman endet, wo er begann, in einer Kirche – nur wird diesmal Kay, die inzwischen geschieden wurde, zu Grabe getragen. Ziemlich deutlich legt der Roman nahe, dass sie an ihrem Leben verzweifelt war und sich selbst das Leben genommen hat. Betreten müssen sich die überlebenden verheirateten Frauen – alle bis auf Ellinor – eingestehen, dass ihr Leben letztlich nicht weniger unglücklich ist als das der toten Kay. In dieser Radikalkritik liegt zweifellos der überzeitliche Wert von »Die Clique«, auch wenn vieles natürlich die Anstößigkeit verloren hat, mit der der Roman bei seinem Erscheinen 1963 Aufsehen erregte. Aber dem Stachel der Kritik, immer wieder in alte Muster zurück zu fallen, sollte man sich aussetzen – unbedingt mit diesem flott geschriebenen und mit beißend ironischen Beobachtungen garnierten Gesellschaftsbild.

(Veit empfiehlt - Herbst 2015)
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