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Stefanie Zesewitz: Donaunebel

Stefanie Zesewitz: Donaunebel

D 2015, 420 S., Broschur,  17.37
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Querverlag
Inhalt
Theo Brunner ist eine Spitzenkraft in ihrem Metier: Keiner kann Leichen so gut für eine Bestattung herrichten wie Theo. Dass Theo aber gar kein Kerl ist, wie alle seine Freundinnen und Freunde sowie die Kollegen beim Bestattungsinstitut glauben, dass sie nämlich in Wahrheit Theodora heißt und immer wieder schönen jungen Frauen verfällt, das ist Theos großes Geheimnis. Denn Theo ist im Wien der Wende zum 20. Jahrhundert aufgewachsen, zwar ist das Elternhaus liberal, doch sowohl Kaiserreich als auch die junge Erste Republik haben sehr restriktive Vorstellungen von Sexualität und Lebensweise. Dass Frauen Männerberufe übernehmen, stets in Männerkleidern auftreten oder gar mit Frauen zusammensein wollen, ist indiskutabel. Und so kommt Theo naturgemäß regelmäßig in Schwierigkeiten, gleich zu Anfang der spannenden Geschichte, als sie sich 1914 als vermeintlich gesunder junger Mann zur Musterung für die Mobilmachung zum Ersten Weltkrieg stellen muss. Doch mit ihrer Mischung aus zuweilen kecker Unbekümmertheit und pragmatischer Vorsicht schafft es Theo, sowohl beruflich in einer Männern vorbehaltenen Domäne erfolgreich zu sein, als auch mit den Frauen, die sie begehrt, immer wieder Affären zu beginnen. Parallel zu Theos Geschichte in Wien erzählt Stefanie Zesewitz die Geschichte Aglaias in St. Petersburg. Aglaia kommt aus einer reichen Adelsfamilie im zaristischen Russland, auch sie liebt Frauen – nur vordergründig ist sie mit einem Mann verheiratet. In den Wirren der russischen Revolution wird ihre Familie zerrissen und Aglaias Flucht verschlägt sie nach Wien, wo sie unter reichlich dramatischen Umständen auf Theo trifft. Beide Frauen verlieben sich ineinander. Doch was eine romantische Beziehung werden könnte, entwickelt sich zu einer packenden lesbischen Abenteuergeschichte in einem zwischen Kriegsgewinnlern und breiten verarmenden Schichten zerrissenen Wien. Denn Aglaias Bruder und ihr Ehemann stranden ebenfalls in Wien; und obwohl Aglaia versucht, den beiden auf dem ohnehin angespannten Arbeitsmarkt hilflosen Adligen beizustehen, haben die beiden Jungs nichts anderes im Sinn, als Aglaia auf einen vermeintlichen Pfad erwartbarer Lebensführung zu zwingen – vor allem aber soll sie Theo verlassen. Um das zu erreichen zeigen sie Theo an, Theo gerät zunächst in die Mühlen der Justiz und dann in das Spinnennetz der Psychiatrie, bevor es den beiden Liebenden gelingt, wieder zueinander zu kommen. – Stefanie Zesewitz verbindet wie schon bei ihrem letzten Roman »Wie ein Versprechen« gekonnt das Genre des historischen Romans mit dem des lesbischen Liebesromans. Dabei ist ihr Horizont von romantischer Liebe ein ganz anderer als der, unter dem gegenwärtig mit den eher verschleiernden Vermarktungsbegriffen »Romance« oder »New Adult« als gestanzte Massenware der Buchmarkt geflutet wird. Stefanie Zesewitz greift auf den viktorianischen Roman zurück, und zwar nicht, weil dessen Auffassung von Liebe weniger romantisch gewesen wäre, sondern weil hier die Liebesgeschichte zu einem Zweck erzählt wird, nämlich um auf etwas anderes aufmerksam zu machen, in der Regel auf gesellschaftliche Verhältnisse und die Probleme, die diese den Einzelnen bereiten. Die klassische viktorianische Liebesgeschichte unterhält darum nicht nur, sie wird in aufklärerischer, mitunter sogar revolutionärer Absicht erzählt. Dadurch erscheint die Romantik der Liebe hier umso klarer, weil der erzählerische Antrieb die Welt und nicht die Liebenden sind. (Liebende haben ja nur sich selbst, nicht aber anderen etwas Interessantes zu sagen, letztlich ist jedes verliebte Reden entweder Liebeszweifel oder Liebesbeteuerung, also für alle anderen langweiliger Kitsch.) Auch Stefanie Zesewitz erzählt in aufklärerischer, fast revolutionärer Absicht, doch weil sie die Geschichte in einer Welt vor fast 100 Jahren erzählt, beeindrucken zunächst die vielen interessanten und gut recherchierten historischen Details: Wie die Gemeinde Wien gegen die vielen kleinen Bestattungsunternehmen versuchte, ein städtisches Monopol zu errichten - wie gegen Frauen in Männerkleidern gerichtlich und später mittels der Psy­chiatrie vorgegangen wurde - wie Leichen für eine Bestattung hergerichtet werden - und vieles andere mehr. Der historische Hintergrund gewährt dabei beim Lesen Abstand und macht den Blick darauf frei, dass Theos Leben auch heute nicht einfach wäre, denn sie verweigert sich Eindeutigkeiten, die wir auch heute im öffentlichen wie im privaten Leben immer wieder voraussetzen und einfordern. Das alles erzählt Stefanie Zesewitz in ihrer klaren und feinen Sprache, ihr Erzählstil ist ebenso schnell, wie Theo auf dem Rad durch ein weitgehend autofreies Wien braust und der Roman endet nach 420 Seiten gefühlt viel zu früh, denn einmal entführt in die Welt von Aglaia und Theo will man eigentlich nur noch eins: Immer wieder dorthin lesend zurückkehren.
(Veit empfiehlt - Sommer 2015)
Dieser Querverlag-Titel ist auch erhältlich als:
E-Book (epub), € 9.99
Taschenbuch, € 17.37
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