Löwenherz - die Buchhandlung in Wien. Fachbuchhandlung mit schwulem und lesbischem Sortiment.
 
 
Paul Bailey: The Prince's Boy

Paul Bailey: The Prince's Boy

UK 2015, 152 pp., brochure,  14.95
Aktion Portofrei: Kostenloser Versand in Österreich.
Europa: Kostenloser Versand ab 20 Euro Bestellwert.

Bloomsbury
Inhalt
Wer Paul Baileys schwulen Bestseller »Sugar Cane« aus dem Jahr 1993 kennt (heute auf Deutsch erhältlich unter dem Titel »Auf Tour«) und sich sein neues Buch »The Prince’s Boy« vornimmt (erstmals 2013 und bisher nur auf Englisch erschienen), wird schnell feststellen, dass sich der Autor deutlich weiterentwickelt hat. Es gibt Parallelen zwischen den beiden Büchern. In beiden Büchern spielen männliche Prostituierte eine zentrale Rolle. Doch während in »Sugar Cane« das Leben von Londoner Bahnhofsstrichern aus deren subjektiver (mitunter deprimierender) Perspektive der Ausbeutung vordergründig geschildert wird, nimmt die Hauptfigur und gleichzeitige Erzähler in »The Prince’s Boy« en passant eine eher beobachtende Sichtweise ein. »The Prince’s Boy« sind die fiktiven Memoiren des jungen Rumänen Dinu Grigorescu aus sehr wohlhabendem Hause, der in den 1920er Jahren von seinem Vater nach Paris geschickt wird, damit sich der unerfahrene Bücherwurm und Möchtegernliterat dort die Hörner abstoßen kann, bevor es nach den väterlichen Vorstellungen direkt in den ehrbaren Hafen der Ehe begeben soll. In Paris erwartet den jungen Mann Cousin Edouard, der in den Dingen des Lebens (und des Raffinements) schon recht versiert ist und sicherstellen soll, dass es Dinu an nichts fehlt und er in die richtigen Bahnen gelenkt wird. Obwohl völlig unerfahren unternimmt Dinu auf eigene Faust Streifzüge durch die vibrierende, in jeder Hinsicht schillernde Weltstadt, in der gerade Josephine Baker auftritt. Dinu blüht richtig auf, nachdem er Dinge, die ihm aus der Literatur vertraut sind, mit eigenen Augen sehen kann. Er atmet den Duft der großen, weiten Welt – ganz im Gegensatz zu dem provinziellen Bukarest, in dem er groß geworden ist und dessen Bewohner ihm nun so wenig weltoffen erscheinen. Er muss auf nichts verzichten – dank einer üppigen Alimentierung durch den Vater. Besonders faszinierend sind für Dinu Schriftsteller, Plätze in Paris und Anekdoten, die mit der von ihm verehrten großen Literatur zu tun haben – er stößt auf Marcel Proust und das etwas verruchte »Bains du Ballon d’Alsace«, in dem der legendäre Autor verkehrt hat und in dem Männer mit Geld sich in vielerlei Art vergnügen können. Unter falschem Namen betritt er das Etablissement, das eine Art gehobenes Männerbordell darstellt. Anfangs weiß Dinu nicht recht, was er dort will. Zunächst begegnet ihm der Chef des Hauses – Monsieur Albert, ein ebenso geschäftstüchtiger wie blasierter Herr, der sich ein Bild von Dinus Geschmack macht. In Erinnerung an sein erstes sexuelles Erlebnis mit einem Mann beschreibt Dinu seinen Traumtyp – der kerlig, behaart und viril sein soll. Da kann der Chef ihm auch gleich den Richtigen zuführen – Honoré genannt. Wenig später befindet sich der junge Rumäne in den Armen dieses Mannes. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Und beim zweiten Wiedersehen im »Bains du Ballon d’Alsace« schmieden die beiden bereits Pläne für eine gemeinsame glückliche Zukunft. Honoré erzählt dem jungen Dinu seine Lebensgeschichte voller Volten und unwahrscheinlicher Ereignisse. Eigentlich heißt er Razvan und stammt ebenso wie Dinu aus Rumänien. Auch wenn er ursprünglich aus einfachen Verhältnissen stammt, wurde er in jungen Jahren zu einer schillernden Figur. Ein königlicher Prinz E. aus dem regierenden Haus Hohenzollern hat Razvan als jungen Kerl um das Fin de siècle quasi von der Straße aufgelesen, ihn an Sohnes statt angenommen und zu seinem Fürstenbuben gemacht. Er hat ihm eine Ausbildung und Kultur gegeben, ihm die Literatur nahegebracht. Da der schwule Prinz es nicht im engstirnigen Rumänien ausgehalten hat und ein kosmopolitisches, luxuriöses Leben führen wollte wie gewohnt, ist er zusammen mit seinem Prinzenbuben herumgereist, nach London und Paris. Die beiden so verschiedenen Männer haben sich in einem ungezwungenen schwulen Leben voller Dekadenz eingerichtet. Nach dem Tod des Fürsten war Razvan zwar versorgt, aber alleingelassen und orientierungslos. Er verdingte sich – keineswegs aus Geldsorgen, sondern mehr um seine Frustration zu beschwichtigen, im Bordell von Monsieur Albert. Razvan in seiner Liebe zu Dinu kümmert sich nicht mehr um die Dinge im »Bains du Ballon d’Alsace« – lässt sich gehen – sehr zum Missfallen von Monsieur Albert, der sich vom besten Pferd in seinem Stall kurzerhand trennt. Es kommt zu unschönen Szenen, die Monsieur Albert schnell bereut, die aber einfach nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Dinu und Razvan genießen den Rausch der Lust während der anfänglichen Verliebtheit. Und Dinu lässt sich durch die Warnungen des Monsieur Albert nicht irre machen. Cousin Edouard beginnt sich immer mehr über Dinu zu wundern. Schließlich arrangiert er in einem Bordell einen Abend mit einer wunderschönen Dirne, deren Verführungen Dinu jedoch unangefochten widersteht. Edouard ist perplex und meldet Nichtvollzug nach Bukarest. Die Zeit verfliegt. Und es ist für Dinu nach einem halben Jahr Paris an der Zeit ins heimatliche Bukarest zurückzukehren - doch nicht bevor sich Razvan und er ewige Liebe, häufigen Briefwechsel und baldiges Wiedersehen geschworen haben. Es kommt allerdings anders. Bukarest ist nicht das mondäne, kosmopolitische Paris. Und Dinus Verhältnis zu Razvan lässt sich sehr zum Leidwesen von Herrn Grigorescu senior nicht geheimhalten – Razvan ist ja nicht irgendwer. Sein Schicksal als Emporkömmling und seine prekäre gesellschaftliche Position als Prinzenjunge haben ihn in der Heimat trotz langer Abwesenheit zum Gesprächsstoff werden lassen. Gerüchteweise haben sich die Geschichten bis nach Rumänien herumgesprochen. Will man seinem Ansehen nicht schaden, darf man sich unmöglich mit ihm sehen lassen – eine Absicht, mit der sich Dinu nicht abfinden will. Nun – um den Ruf der Familie bedacht – macht Vater Grigorescu den Vorschlag, dass sein Sohn besser eine Scheinehe eingehen oder – wenn schon nicht das - dann wenigstens als eingefleischter Junggeselle durchs Leben gehen solle. Denn an Dinus Homosexualität gibt es nichts zu rütteln – so sehr sein Vater deswegen auch cholerische Anfälle bekommt. Unterstützt in seiner Liebe zum männlichen Geschlecht wird Dinu von seiner Stiefmutter, die sich mit ihm gegen den Vater verbündet. Da Dinu wenig Interesse daran zeigt, als Großunternehmer in die Fußstapfen des Vaters zu treten, sieht er sich nach einer geeigneten Beschäftigung um: er beginnt ein Studium der Literaturwissenschaft, in dem er es schnell weit bringt. Als Razvan in Paris der Briefwechsel mit Dinu allein nicht mehr genügt, lässt er sich nicht mehr vertrösten und kehrt ebenfalls nach Rumänien zurück, um seinen jungen Geliebten zu treffen. Dem ist das nicht ganz recht, hätte lieber selbst bestimmt, wann und wo das Wiedersehen stattfindet. Aber Razvan drängt auf eine gemeinsame Zeit. Die beiden verreisen an die Schwarzmeerküste. In einem Hotel dort nehmen sie ihr intensives Liebesleben wieder auf. Doch auch dieses Wiedersehen dauert nicht ewig. Und realistisches Denken auf Dinus Seite führt zur Ernüchterung. Vierzig Jahre später befindet sich Dinu Grigorescu – nahe sechzig – in seinem Londoner Exil und blickt auf sein Leben zurück. Die goldene Zeit seiner Jugend liegt weit zurück und damit seine große Liebe zu dem in die Jahre gekommenen Prinzenjungen. Das Schickssal hat ihn weit weg von der Heimat an einen weit entfernten Ort verschlagen, und die schrecklichen Turbulenzen des 20. Jahrhunderts trennen ihn von der glücklichsten Zeit seines Lebens. In Rumänien herrscht inzwischen eine kommunistische Diktatur. Er kann die große Liebe seines Lebens nicht vergessen, die imstande war, Lust, Trennung, Verzweiflung und sogar den Tod zu überwinden. Paul Baileys neuer Roman ist sehr eigenwillig. Das ans Rumänische angelehnte, merkwürdige Englisch wirkt absichtlich gespreizt und reflektiert den gehobenen, eleganten Lebensstil der hier beschriebenen Oberschicht im Rumänien der Zwischenkriegszeit. Ich fand den hier beschriebenen Zeitgeist anfangs gewöhnungsbedürftig – mit der Zeit aber durchaus interessant. Man hat es hier mit einem Land zu einer Zeit zu tun, über das man insgesamt nur wenig weiß. Bemerkenswert fand ich auch die im Roman ausgedrückte Faszination der Literatur auf Menschen, die aus einer in ihrer Sicht abgelegenen Weltgegend stammen. Diese Faszination verkörpert das Paris der 1920er Jahre wie kaum eine andere Stadt. Gebündelt wird sie noch einmal in der Person des Schriftstellers Marcel Proust, der mit seiner »Recherche« sehr en vogue war. Mein Resümee zu »The Prince’s Boy«: ein wundervolles Kleinod der Literatur.
(Jürgen empfiehlt - Frühlingskatalog 2015)
Warenkorb   |   Mein Konto  |   Derzeit nicht angemeldet
Zum Seitenanfang