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Tennessee Williams: Moise und die Welt der Vernunft

Tennessee Williams: Moise und die Welt der Vernunft

Dt. v. Josefine Haubold. D 2014, 216 S., geb.,  22.50
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Salzgeber
Inhalt
Im New York der 70er Jahre lebt ein junger Schriftsteller in einem Sperrholz-Verschlag in einer Bauruine. Mittellos weil erfolglos und doch nach eigener Überzeugung ein Genie hat er diese Behausung von Lance, dem Mann seines Lebens, seiner ersten Liebe übernommen, nachdem Lance bei einem Unfall ums Leben kam. Jetzt lebt er, der Ich-Erzähler des Romans, mit einem neuen Lover zusammen, von dem er sich außer gelegentlicher Befriedigung wenig erwartet. Das schwule Paar ist in der einen Nacht, die der Roman schildert, bei Moise zu Gast, der besten Freundin des Schriftstellers – auf einer ihrer legendären Partys hatte er vor Jahren auch Lance kennengelernt und auf ihrem Sofa den ersten Sex mit ihm. Moise ist Künstlerin, doch sie hat beschlossen, sich aus der Welt der Vernunft zurück zu ziehen und will dies auf einer letzten Party mit angemessenem Pathos verkünden. Doch die Party läuft aus dem Ruder und auf seinem Irrweg durch das nächtliche New York verliert der Erzähler seinen Gefährten, trifft einen alternden und erfahrenen Schriftsteller-Kollegen, der ihn bis in seinen Verschlag verfolgt, und führt mit ihm und einigen anderen auftauchenden und wieder verschwindenden Gestalten ebenso intime wie oft absurde Gespräche, bis er schließlich manisch beginnt zu schreiben, bis all sein zur Verfügung stehendes Papier bis auf den letzten freien Platz gefüllt ist. »Moise und die Welt der Vernunft« ist in vielerlei Hinsicht ein bemerkenswertes, lesenswertes und, obwohl es so gar nichts vom heute so gängigen Story-telling hat, ein überaus spannendes Buch. Liest man es nur als die Geschichte einer kalten Nacht in der Großstadt, so bekommt man ein atemberaubendes Porträt eines freizügigen und revolutionären Lebensstils, der sich nur auf die Entdeckung von Persönlichkeit richtete – der eigenen wie der von Menschen, denen man ebenso zufällig begegnete wie man sie zugleich als wichtig einschätzte. Sprachlich ist der Roman ein Fest des unvollendeten Satzes, freilich so kunstvoll immer wieder abgebrochen, dass oft ein ganz präziser Sinn im Ungesagten erkannt wird. Und schließlich formal-kompositorisch, denn offenbar hat sich Tennessee Williams im Roman in drei Figuren gespiegelt inszeniert: Als junger Schriftsteller, eingebildet und doch erfolglos, so wie er selbst jahrelang lebte, bis er mit »Die Katze auf dem heißen Blechdach« den Durchbruchserfolg schaffte; als alternder abgeklärter Mann, der zwar alles erreicht jedoch jede Perspektive verloren hat; als extravagante Künstlerin, die einerseits eine ihr verfallene Gesellschaft um sich schart, andererseits sich um Realitäten herzlich wenig schert. Hinter all dem sind viele autobiografische Züge Tennessee Williams zu erkennen, doch weniger wegen dieses Schlüssel-Charakters ist es ein so beeindruckendes Buch, sondern wegen seiner Gesamtwirkung. »Moise und die Welt der Vernunft« ist der große Entwurf eines schwulen Lebens, das nicht auf die Anbiederei an vorgegebene Formen des Lebens ausgerichtet ist, sondern das sein will, was jedes echte Leben ausmacht: etwas ganz eigenes.
(Veit empfiehlt - Frühlingskatalog 2015)
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