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Bruno Barreto (R): Die Poetin

Bruno Barreto (R): Die Poetin

Brasilien 2013, OF, dt. SF, dt. UT, 110 Min.,  16.99
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Pro-fun
Inhalt
ishop war eine der wohl wichtigsten US-amerikanischen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts. 1956 gewann sie den Pulitzer-Preis, 1970 den National Book Award. Und sie war lesbisch, was sie aber bedingt durch ihre schwierigen Familienverhältnisse und die gesamtgesellschaftliche Situation in den USA der 1930er, 40er und 50er Jahre nur sehr eingeschränkt ausleben konnte. Von ihren Werken ist derzeit nur wenig lieferbar: zwei Sammelbände - »Poems« und »Prose« - in den Centenary Editions jeweils nur auf Englisch - auf Deutsch herrscht sogar Tabula rasa. Das kann daran liegen, dass sie im deutschsprachigen Raum als Autorin völlig vergessen ist - bzw. niemals wirklich bis ins hiesige Bewusstsein vorgedrungen sein dürfte. Umso bedeutsamer ist daher die brasilianische Verfilmung des für sie als Lesbe so wichtigen brasilianischen Lebensabschnitts – anders als in den USA konnte die Dichterin in Brasilien ihr Lesbischsein gegen jede Konvention ausleben. Auch - so vermittelt es das Biopic - ermöglichte es ihr die Anonymität in einer fremden Umgebung über den eigenen Schatten zu springen und Hemmungen hintanzuhalten. Zu Beginn der 1950er Jahre lebt Elizabeth Bishop in New York. Nach anfänglichen Erfolgen als Poetin steckt sie nun aber in einer Art Schaffenskrise und ist dringend auf der Suche nach neuer Inspiration - diese erhofft sie sich von einer Reise quer durch Lateinamerika. Als sie in Brasilien ankommt, will sie eigentlich nur zwei Wochen bleiben - doch daraus werden 15 Jahre. In Brasilien lebt seit einer Weile ihre Studienfreundin Mary, mit der sie einst mehr als eine platonische Freundschaft verbunden hat. Mary hat inzwischen eine neue Lebensgefährtin - nämlich die Architektin Lota de Macedo Soares, die aus einer bedeutenden brasilianischen Politikerfamilie stammt. Das erste Zusammentreffen von Lota und Elizabeth, die eher zur Schüchternheit neigt, verläuft alles andere als aussichtsreich, denn die Charaktere der beiden Frauen sind völlig verschieden und deuten auf Inkompatibilität, ja Konflikte hin. Elizabeth fühlt sich sogar von der überschwänglichen Art von Marys Freundin überfahren. Lota verkörpert das leidenschaftliche Temperament einer Latina, während Elizabeth zurückhaltend, fast verschlossen wirkt. Doch die Frau aus dem Norden beginnt aufzutauen, kann sich dem tropischen Klima, den Menschen, deren Lebensfreude und vor allem Lotas Sinnlichkeit nicht ganz entziehen. Die drei Frauen beginnen ein Leben abseits jeglicher Konvention. Aber auch Lota tut sich mit Elizabeths Art schwer. In ihrer impulsiven Art schlägt die Befindlichkeit zunächst in Ablehnung um. Doch auch diese ist nicht von Dauer und beginnt sich mit der Zeit in ihr Gegenteil zu verkehren. Die aufkeimende Liebe zwischen Elizabeth und Lota ist Mary ein Dorn im Auge. Schließlich droht sie in dieser Konstellation auf der Strecke zu bleiben. Es sind ausgerechnet Dinge, die außerhalb des Gefühlsdreiecks der drei Freundinnen liegen und durch die das allmählich sich einstellende Gleichgewicht völlig aus dem Lot gerät. Lota bekommt als Architektin einen Auftrag, der für sie zur Chance des Lebens werden kann. In Rio de Janeiro soll sie den Flamengo Park gestalten und wird damit Weltruhm erlangen (heute Teil des UNESCO-Weltkulturerbes). Auch bei Elizabeth scheinen die neue Umgebung und die neue Liebe Wunder zu bewirken. Es gelingt ihr wieder mit frischer Kraft ans Werk zu gehen und Neues zu dichten. Der Erfolg bleibt nicht aus. Sie gewinnt einen Preis nach dem anderen. Lota und Elizabeth machen Karriere. Das macht aber ihr Verhältnis um keinen Deut einfacher. Zwar öffnen sich den beiden die Türen zur High Society von Rio. Dadurch verliert Mary jedoch den Anschluss an ihre beiden Freundinnen. Auch das Verhältnis zwischen Elizabeth und Lota wird immer schwieriger und ist geprägt von Streit und verbalen Verletzungen. In diese ohnehin schon schwierige Situation für die drei Frauen platzt die Nachricht, dass das Militär gegen die brasilianische Regierung geputscht hat. Die politische Situation im Land wird für die drei starken Frauen zunehmend prekär. Elizabeth trägt sich mit dem Gedanken, in die USA zurückzukehren. Hat diese Dreiecksbeziehung noch eine Chance? Diese Biopic ist - wie ich finde - sehenswert allein schon wegen seiner wunderschönen, stimmigen Bilder. Die tropische Idylle ist jedoch nicht Selbstzweck - im Gegenteil: sie ist der Hintergrund, vor dem sich die eigenwilligen, starken Charaktere abheben und ihre Wandlungen durchmachen. Die beschriebene Zeit ist zudem gut getroffen - die krisenhafte Stimmung vor der Militärdiktatur. Und die gegensätzlichen Charaktere der drei Protagonistinnen sind dank einer ausgezeichneten Auswahl der Darstellerinnen hervorragend gezeichnet. Ich fand den Film ausgesprochen wichtig, weil man bei uns von Elizabeth Bishop so gut wie noch nichts gehört hat. Sie hat sich selbst nicht als lesbische oder feministische Autorin gesehen - mehr als Poetin, die zufällig lesbisch ist und dabei das urfeministische Motive der starken Frau thematisiert. Diesem schönen Film kann man zugute halten, dass er diese sehr zu unrecht in Vergessenheit geratene Autorin der Zuseherin näherbringt.
(Jürgen empfiehlt - Frühlingskatalog 2015)
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