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Jonathan Kemp: Londoner Triptychon

Jonathan Kemp: Londoner Triptychon

Dt. v. Joachim Bartholomae. D 2014, 229 S., Broschur,  19.53
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Männerschwarm
Inhalt
Mit dem »Londoner Triptychon« hat der Hamburger Männerschwarm Verlag ein echtes Juwel an Land gezogen. Der Roman von Jonathan Kemp ist ein intelligent konstruiertes, komplexes und wichtiges Buch über Stricherleben in den Jahren 1894, 1954 und 1998. Der Roman handelt von drei jungen Männern, die in der jeweiligen Zeit mit Prostitution zu tun bekommen – Jack Rose zur Zeit von Oscar Wilde ist Stricher in einem Jungenbordell; Colin Read ist Künstler im trostlos bleiernen Nachkriegsjahrzehnt und befreundet sich mit einem Modell, das auch als Stricher arbeitet; und schließlich ein anonymer David in der Zeit vor der Jahrtausendwende verdient sein Geld als Stricher und Pornomodell – er verliebt sich in einen Kollegen.
Die drei Zeitebenen wechseln im Reigen ab, sind aber über einzelne wiederkehrende Figuren verknüpft. Die drei Männer erforschen in einem sich wandelnden London ihre Möglichkeiten. Sex für Geld ist ein Vehikel, über das zwei von ihnen im Leben vorankommen und Plätze (auch gesellschaftlich) erreichen, die ihnen sonst versperrt bleiben würden. Das Problem ist jedoch die Liebe, denn die ist in einem Stricherleben nicht vorgesehen. An ihr scheitern alle drei Hauptfiguren.
Jack Rose ist 1894 ein junger Telegrammbote, der durch Zufall in ein Jungenbordell gelangt, in dem Gentlemen der besseren Gesellschaft verkehren – unter ihnen der junge, arrogante Lord Alfred Douglas und sein Liebhaber Oscar Wilde, der gerade im Zenit seines Erfolges steht. Jack will mit der Arbeit als Prostituierter seinen kargen Verdienst aufbessern und der tristen Welt seiner Arbeiterfamilie entfliehen. Dies gelingt anfangs recht gut, denn Jack ist gut aussehend und wird von seinen wohlhabenden Freiern gern mit aufs Zimmer genommen. Er erregt sogar die Aufmerksamkeit von Douglas und Wilde. Die Berühmtheit des Letzteren hat sich sogar schon bis zu den Jungs im Bordell herumgesprochen. Anfangs ist das Verhältnis von Wilde und Jack geprägt durch Kuriosität. Weil Wilde sich anders als die Anderen mit den Jungs beschäftigt, sie ernst nimmt, sie mit seinem brillanten Wortwitz und Gedanken beeindrucken kann und sie auch noch zu ungewöhnlichen Orten mitnimmt, ohne vordergründig sexuelle Gegenleistungen dafür zu erwarten, ist Jack ganz fasziniert von Wildes Person. Zwischen den beiden entsteht ein besonderes Verhältnis, das für Jack die Form einer Freundschaft annimmt. In einem besonders amüsanten, intimen Moment verleiht Oscar Wilde Jack – über dessen Hintern gebeugt – den Titel »Meine liebste Schreibunterlage«. Für Jack ist das Ganze nicht mehr weit entfernt von Liebe. Über das, was in Oscar Wilde vorgeht, kann man nur Vermutungen anstellen. Er trifft sich auch mit anderen Jungs aus dem Bordell, die ihm gefallen, was Jacks Eifersucht auslöst.
Doch bald verdunkelt sich der Himmel über dieser kleinen Insel homosexuellen Glücks im viktorianisch-homophoben London. Lord Alfred Douglas hat Wilde zur verhängnisvollen Beleidigungsklage gegen dessen bösartigen Vater angestiftet. Oscar Wilde ahnt längst, dass Alfred sein Untergang sein wird. Um nicht noch mehr Aufsehen auf seine Homosexualität zu lenken, versucht sich Wilde von Jack fernzuhalten, was dieser missinterpretiert. Im Glauben, für einen Anderen fallengelassen worden zu sein, lässt sich der emotional verletzte Jack zu einer vernichtenden Aussage im Wilde-Prozess hinreißen, die zum tiefen Fall des Literaten beitragen wird. Jack kann nicht fassen, was er im Affekt angerichtet hat, und sieht nun seine kleine Welt zusammenstürzen. Die Hexenjagd auf Schwule mündet in eine Pogromstimmung, die im viktorianischen London keinen Zweifel darüber aufkommen lässt, wo diese Gesellschaft den Platz für Schwule sieht: im Kerker bei schwerer, menschenverachtender Arbeit. In den Passagen über das Jahr 1894 stützte sich Autor Jonathan Kemp auf die Niederschriften der originalen Zeugenaussagen im Wilde-Prozess. Diese Fiktionalisierung authentischer Wortlaute ist ein wunderbarer, wirklich gelungener Kunstgriff – die Einbettung in den Text erfolgt friktionsfrei. Auch 1954 können Schwule ihre Liebe nicht frei ausleben. Ständig laufen sie Gefahr aufzufliegen und inhaftiert zu werden. Wieder veranstalten Justiz und Presse eine regelrechte Hexenjagd auf sie. In den heimlichen schwulen Lokalen der Zeit existieren nur kurze Momente von Freiheit. Dort verkehrt nun auch ein in die Jahre gekommener Jack Rose. Über den Lokalen schwebt das Damoklesschwert von Polizeirazzien, die jederzeit stattfinden können. Diese Erfahrung muss auch Colin Read machen. Mit einem Bein steht er schließlich im Gefängnis. Er ist Künstler und malt gern junge Männer. Eines seiner Models ist Gore, der gut aussieht und als Stricher arbeitet. Lange Zeit hat Colin versucht, ein nach außen hin scheinbar heterosexuelles Leben zu führen, hat sogar geheiratet. Doch die Nähe zu Gore macht ein schwules Erlebnis, ja ein schwules Leben plötzlich übermächtig wünschenswert. Lange malt er den attraktiven Kerl nur, traut sich nicht körperlichen Kontakt herzustellen. Und als er es doch tut, weil er sich in den Stricher verliebt hat und sich etwas Fixes mit ihm erhofft, zerplatzt die hübsche schwule Seifenblase unsanft.
1998 kommt David aus der Provinz nach London. Dort entdeckt er schnell die Vorzüge des weltstädtischen Lebens, weil er gut aussieht und lernt, wie man aus seinem Körper Kapital schlagen kann. Er wäre gern jemand anders, nimmt Drogen, um seinem Ziel näher zu kommen und der erdrückende Normalität des Alltags zu entfliehen. Er stürzt sich in die Welt der schwulen Clubs mit ihren Drogen und dem schnellen Sex, ein Leben des permanenten Rausches. Ganz beiläufig gerät er in die Prostitution. Er folgt einem anderen Schönling, macht es ihm nach und lässt sich manchmal für Sex bezahlen. Bald wird er auch für Pornofilme gebucht. Dabei wächst die Freundschaft mit dem Kollegen. Für David wird allmählich Liebe daraus, während der Andere es als nettes Zweckbündnis und mehr kameradschaftlich sieht. David kommt nicht mehr dazu, dem geliebten Stricher seine Gefühle zu gestehen. Vor lauter Liebe merkt er gar nicht, wie sein Kollege ihn geschickt in internationale Drogendeals einspannt. Noch bevor zwischen David und seinem Kollegen sich etwas entwickeln kann, wird er geschnappt und wegen Drogenschmuggels eingesperrt. Im Gefängnis reflektiert er über sein Verhältnis zu seinem Kollegen, in den er immer noch verliebt ist. Er erinnert sich auch, dass dieser von einem Kunden namens Gore erzählt hat, der sich brüstete im Besitz von drei Bildern eines Künstlers zu sein, die ihn selbst als einen jungen Mann darstellen – das »Londoner Triptychon« von Colin Read.
Jonathan Kemps Debütroman ist ein raffiniert verschachteltes Buch über die Träume, die uns tragen und doch zerplatzen, wenn wir uns ein Herz fassen, sie Realität werden zu lassen. Wunderschön realistisch und alles andere als schematisch stellt er die Stricher dar, die als Wesen aus Fleisch und Blut dargestellt werden und auch bei aller Geschäftsmäßigkeit nicht gegen das Verlieben gefeit sind. Sie unterliegen Bindungen, die über die reine Geschäftsbeziehung hinausgehen können, wenn man sie menschlich behandelt. Und genauso wie im eigentlichen Leben gibt es keine Garantie dafür, dass Gefühle funktionieren und die Liebe glückt. Dieses Buch macht große Freude beim Lesen – es ist erotisch geschrieben mit einigen expliziten Passagen, die aber eher realistisch wirken als pornografisch. Selbst die derbsten Stellen sind der Situation, dem Milieu der handelnden Personen geschuldet. Es ist gleichzeitig intelligent und informativ. Die verschiedenen Zeiten kommen überzeugend rüber.
Verleger Joachim Bartholomae hat den Roman selbst aus dem Englischen übersetzt – ich gratuliere ihm zu einer griffigen und sehr stimmigen Übersetzung, die den jeweiligen Geist der Zeit auch im Deutschen gut einfängt.

(Jürgen empfiehlt - Winterkatalog 2014/15)
Dieser Männerschwarm-Titel ist auch erhältlich als:
E-Book (epub), € 12.99
Taschenbuch, € 19.53
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