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Steven M. Brown: Glänze, Gespenst!

Steven M. Brown: Glänze, Gespenst!

Dt. v. Juliane Zaubitzer. D 2014, 336 S., geb.,  20.60
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Haffmans und Tokemitt
Inhalt
Mit gemischten Gefühlen startet Steven in seine erste schwule Kreuzfahrt. Eigentlich ist er eher ein Einzelgänger, mit der schwulen Partyszene kann er wenig anfangen. In den letzten Jahren hat er in der deutschen Provinz gelebt, woher auch sein Freund stammt. Seine Distanziertheit hat freilich nichts mit Szene-Verachtung zu tun, im Gegenteil, Steven schätzt schwule Saunen als Orte, in denen unkompliziert Einsamkeit überwunden werden kann, dort hat er auch seinen Freund kennengelernt, immer wieder schreibt er Essays über schwules Cruisen. Durch diese Essays wurde auch ein deutscher Verleger auf ihn aufmerksam, der sich ein ebenso kritisches wie liebevolles Buch über schwulen Massentourismus in seinem Verlagsprogramm wünschte. Steven macht sich also daran, diesen schwulen Insiderblick zu liefern und im Bemühen, sein Befremden über all den programmatischen Spaß und die industriegefertigte gute Laune nicht zu Ablehnung werden zu lassen, sieht er sich zunächst und für die ersten Tage in eine Realsatire versetzt. Immer wieder geraten Szenen fast zu Slapsticks: die Widerspruchslosigkeit, mit der sich die über 1.000 schwulen Gäste den Klischees der Veranstalter nicht nur überantworten, scheinbar haben alle Gäste genau diese Schemata erwartet, in die sich zu pressen scheint die ultimative Erfüllung ihrer Urlaubserwartungen zu sein. Nur dem ironisch beobachtenden Steve fällt auf, dass das schwule Ambiente nur notdürftig für die 7tägige Kreuzfahrt dem ansonsten für schreiend spießigen, nicht selten heterosexuell-sexistischen Standardgeschmack ausgelegen Schiff übergestülpt wurde. Doch Steven merkt schnell, dass dieser ironisierende Blick nur die Kehrseite dessen ist, wovon er nicht vereinnahmt werden wollte. Denn die gepflegte, spöttische Kritik unterscheidet sich kaum vom leeren Touristengeplapper, weil sie nichts Eigenes der Banalität der Tourismusindustrie entgegensetzt. Steven Brown erzählt darum parallel zu seiner Schilderung der Kreuzfahrt seine eigene Geschichte, wie er seinen Freund kennenlernte, wie sein Freund in einer vergleichbaren Situation regiert hat, wie er selbst Einsamkeit und Nähe erlebt. »Glänze, Gespenst« ist darum auch eine berührende schwule Liebesgeschichte – keine besonders aufregende oder dramatische, sie erhält ihren besonderen Wert eben dadurch, dass sie als Stevens eigenes Erleben dem kollektiven Wahn der fremdbestimmten schwulen Kreuzfahrt nicht entgegengesetzt, sondern in sie eingefügt wird. Deren banale Lächerlichkeit besteht ja gerade darin, dass entgegen der Verheißung großartiger und unvergesslicher weil einmaliger Momente für jeden Einzelnen in Wahrheit lediglich klischeehafte Standardsituationen aus der Retorte geboten werden; zu etwas besonderem wird alles bloß durch die blindwütige Wiederholung des nie eingelösten Versprechens. Zugleich geben diese Standardsituationen aber auch den Rahmen vor, in dem wir uns selbst sehen, erleben und beschreiben können und ohne den wir nichts hätten, was wir mit anderen teilen könnten. Und so weicht auch Stevens anfängliche spitzzüngige Distanziertheit gegenüber Veranstaltung und Mitreisenden einer abgeklärten Milde je mehr er von sich und seinem Freund erzählt. »Glänze, Gespenst« wird also alle enttäuschen, die nach den ersten komischen Passagen eine Kaskade an Ironie und Sarkasmus erwarten und sich eine Satire über schwules Leben erhoffen. Umso mehr wird der Roman aber alle fesseln, die sich über eine unerwartet ernsthafte Auseinandersetzung über die Bedingungen unseres Lebens freuen. Auf einer ersten Ebene beschreibt Steven Brown unser gegenwärtiges schwules Leben zwischen Massenkonsum und Sehnsucht nach Individualität, zwischen der Verheißung ewiger Party mit immer spektakulärerem Sex und der Suche nach Intimität, der stillen Momente der Übereinstimmung mit dem Mann, dem man sich verbunden weiß. »Glänze, Gespenst« zeigt, wie das – möglicherweise glückliche – eigene, individuelle schwule Leben nicht davon abhängt, dass es sich auf die eine oder andere Seite schlägt, wie man sich nicht dadurch findet, das eine intellektuell verächtlich zu machen oder das andere dumpf zu ignorieren. Individualität ist eben nicht die jeweils verschiedene Mischung von gesellschaftlich vorgegebenen Formen – eine so verstandene Individualität bleibt nicht nur beliebig, sondern auch ewig rastlos, weil sie stets gewärtig sein muss, die eigene vermeintlich einzigartige Mischung womöglich doch bei jemand anderem anzutreffen. Individualität findet sich nur jenseits aller dieser gesellschaftlich vorgegebenen Bestimmungen als ungreifbarer Moment, eine Sehnsucht, selbst in der Beziehung auf einen anderen einsam. Stevens eigene Geschichte ist darum auch nicht den Episoden überlegen, die er auf der Kreuzfahrt erlebt, sie ist diesem Leben schlicht entrückt. So ist Steven Browns Roman auf einer zweiten Ebene eine romanhafte Veranschaulichung, wie ein eigenes Leben überhaupt erlebt werden könnte. Doch nicht umsonst führt Steven (mittlerweile) eine Fernbeziehung, lebt von seinem Freund tausende von Kilometern entfernt. Mit dem eigenen Leben verhält es sich wie mit Individualität und Glück: sie sind meist weit entfernt und sind Fluchtpunkte, nicht Teil der Realität. »Glänze, Gespenst« ist also nicht nur eine brillante Beschreibung schwuler Lebensauffassung, sondern auch eine kluge Erfassung ihrer Bedingungen und Möglichkeiten – ebenso liebevoll wie kritisch.
(Veit empfiehlt - Herbst 2014)
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