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Martijn Icks: Elagabal

Martijn Icks: Elagabal

Leben und Vermächtnis von Roms Priesterkaiser. Dt. v. Erwin Fink. D 2014, 231 S., geb.,  25.65
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Zabern
Inhalt
Schon im Studium stolperte ich in einem Proseminar für Alte Geschichte über diese illustre Kaisergestalt in der Römischen Geschichte. Mich faszinierte dieser mysteriöse und vermutlich völlig missverstandene Boy-Kaiser von Anfang an. Und kurioserweise hat mich die Beschäftigung mit Elagabal bis heute nicht wirklich losgelassen. Obwohl er sich nur vier Jahre an der Macht halten konnte, gerade einmal 18 Jahre alt wurde – erschlagen von den Prätorianern auf Geheiß seiner Großmutter und seiner Tante, deren Sohn Severus Alexander er vorher noch widerwillig adoptieren musste, und schließlich im Tiber versenkt – und obwohl er von der Geschichtsschreibung, die von der senatorischen Sichtweise dominiert wurde, eindeutig den »schlechten Kaisern« wie Caligula, Nero oder Commodus zugeschlagen wurde, übt dieser schillernde Kaiserjunge bis heute eine immense Faszination aus. Würde er heute groß werden und es ins Showbiz schaffen, wäre er wohl eine Art von Mischung aus Conchita Wurst, Michael Jackson und einem jugendlichen Papst. Er könnte ein Popstar sein mit Draht zur Macht und Religion. Immer wieder inspirierte dieser »dekadente« Kaiser Künstler. Viele Autoren verfassten Romane und Dramen, die Elagabal zum Thema hatten. Auch für Opern und Gemälde stand er Pate. Diese bis heute anhaltende Faszination der Kunst für Elagabal nimmt in der wichtigen Biografie dieses Kaisers aus der severischen Dynastie einen hohen Stellenwert ein. Martijn Icks‘ Biografie beschränkt sich bewusst nicht auf die Antike, sondern versucht zu zeigen, wie aktuell, modern (aber auch missverstanden) dieser junge Kaiser eigentlich war. Dabei steht das historische Wissen über seine Person auf höchst wackeligen Beinen. Die meisten Quellen zur Geschichte des Kaisers Elagabal wurden Jahrhunderte nach dem Ableben des Kaisers verfasst, bzw. befanden sich die Autoren zur Zeit seiner Regentschaft gar nicht in Rom. Die einzige Quelle, die halbwegs verlässlich über sein Regime berichtete, konzentriert sich fast ausschließlich auf die religionspolitischen Entscheidungen unter Elagabal (Bau des Elagabalstempels in Rom, monotheistische Bestrebungen etc.). Was aber zum größten Teil die Faszination des Elagabal ausmacht, ist sein Privatleben. Durch seine Großmutter war Elagabal am Rande mit dem zweiten Kaiser aus der severischen Dynastie – Caracalla – verwandt. Caracalla war durch den Usurpator Macrinus gestürzt worden. Und nun hatte der Seitenzweig der severischen Dynastie im syrischen Emesa (heute Homs) den jungen Hohepriester Elagabal (benannt nach der örtlichen obersten Gottheit) als Bastard des Caracalla ausgegeben. Der Trick funktionierte: die Truppen des Macrinus liefen in der Entscheidungsschlacht zu denen des Elagabal über. Und so wurde der junge Elagabal mit 14 – quasi über Nacht – Kaiser des Imperium Romanum. Als Elagabal Monate später in Rom pompös Einzug hielt, traf er auf einen Senat, einen Adel und eine Gesellschaft, die auf seinen radikalen Lebenswandel und religiösen Vorstellungen nicht im Geringsten eingestellt waren. Das waren Zeiten ohne Toleranz – es regierte das »mos maiorum« (die überkommene Moral). Für diese war Elagabal ein einziger Schlag ins Gesicht. Seine Regentschaft wurde als »nicht tugendhaft« und »pervers«, »unrömisch« und »orientalisch«, »tyrannisch« und »unmännlich« empfunden. Als Beweise dafür wurden seine sexuellen Ausschweifungen, die von ihm eingeführte Günstlingswirtschaft an der Spitze des Imperiums und seine als verquer wahrgenommenen religiösen Vorstellungen angeführt. Die weniger verlässlichen Quellen sprechen eine drastische Sprache, was die Ausschweifungen, Exzesse, Orgien und Ehen des Elagabal angeht. Vieles ist anekdotisch; manches wohl niemals nachzuprüfen – wir haben es hier mit einer Art Boulevardpresse zu tun. Je plakativer, je exzessiver, je schlimmer – umso besser. Das wollten die antiken Leser haben. Besonders arg in den Augen der Senatoren muss es gewesen sein, als Elagabal einen Frauensenat einrichten ließ. Mit diesem Versuch schien er die überkommene patriarchalische Ordnung in Frage stellen zu wollen. Nachdem Kritik an Majestäten zu keiner Zeit des Prinzipats empfehlenswert war, richtete sich der Zorn des Establishments gegen das historische Ansehen des jungen Kaisers. Die senatorische Geschichtsschreibung beging posthumen Rufmord an ihm. Verheerend wirkte sicherlich auch seine Entscheidung, eine Vestalin zu heiraten – die Auserwählte war eine Hohepriesterin der Göttin, die für das heimische Herdfeuer zuständig war und deren Priesterinnen als Inbegriff der Jungfräulichkeit galten – wurde eine von ihnen beim Sex erwischt, wurde sie lebendig begraben. Elagabal als Hohepriester des Gottes Elagabal wollte mit der Vestalin als Hohepriesterin der Göttin Vesta »göttliche Kinder« zeugen. Doch dazu kam es nicht mehr. Dagegen haben Elagabals zwei schwule Ehen – sofern sie denn authentisch sind – für weniger Wellen gesorgt. Der erste Ehemann – ein Wagenlenker – fiel durch einen Sturz vom Wagen dem Kaiser in seiner Loge des Circus Maximus quasi vor die Füße. Der Kaiser war sofort entflammt für den schönen Mann und heiratete ihn kurz darauf. Ein weiterer Mann, der sich vor allem durch seine besondere Bestückung – ein sog. »Eselsschwanz« – auszeichnete, machte dem Vorgänger Konkurrenz. Doch in der Hochzeitsnacht – durch ein Anti-Aphrodisiakum zum Erfüllen der ehelichen Pflichten nicht in der Lage – versagte der Neue, wurde sofort wieder verstoßen – der erste Ehemann kehrte in seine ursprüngliche Funktion zurück. Ein Glück für den Verstoßenen – denn wenige Monate später folgte der erste Ehemann dem Kaiser in sein Schicksal – ermordet und versenkt zu werden im Tiber. Heute lässt es sich schwer überprüfen, ob es diese beiden Ehemänner überhaupt gegeben hat – und ob sie nicht auch vielleicht nur eine einzige Person waren. Greifbare archäologische Beweise fehlen. Ähnlich ergeht es einem, wenn man andere Behauptungen um Kaiser Elagabal nachgeht. Er soll sich verkleidet haben und seinen Körper als Prostituierter in Bordellen angeboten haben – sich anschließend brüstend, mehr Geld auf diese Weise verdient zu haben als die regulären Huren. Laut den antiken Quellen ließ er in seiner Geschlechterrolle Androgynität zu. Er soll Enthaarungssalben benutzt haben, oft wie eine Frau geschminkt gewesen sein und gelegentlich in Frauenkleidern herumgerannt sein – so tuend, als wäre er wirklich eine Frau. Er hätte sich dann auch wollüstig Männern an den Hals geworfen. »Sage nicht Herr zu mir, bin ich doch eine Herrin!« soll er gegenüber seinem Ehegatten gesagt haben. Auch habe er im Gespräch, den Wunsch nach einer Vagina formuliert, auch nach einer Kastration. Icks stößt in diesem Zusammenhang auf ein im damaligen Rom anscheinend weit verbreitetes Stereotyp, wonach Syrer nicht als echte Männer anzusehen seien, sondern als sexuell perverse, unmännliche Weichlinge, die sich in Parfüm getränkt und sich mit Eunuchen umgeben hätten. Kurios erscheint hier, dass auf den Münzdarstellungen und sonstigen Bildnissen Elagabal immer mit einem Bart zu sehen ist. Wenn man die heftigen Anfeindungen der Geschichtsschreiber wegen seiner Verweichlichung, ja Feminisierung in das Gesamtbild einbezieht, kommt mir deutlich Conchita Wurst in den Sinn – eine androgyne Kunstfigur, die polarisiert. In einer ähnlichen Weise hat auch Kaiser Elagabal polarisiert. Wobei man seinerzeit sicherlich weniger Möglichkeiten hatte, sexistisch motivierte Abneigungen, die Verdammung jedweder Abweichung vom patriarchalischen Rollenmodell zu artikulieren – immerhin war der Kaiser der höchste Repräsentant einer autokratischen Herrschaft – Kritik grenzte schnell an Majestätsbeleidigung, die mit der Todesstrafe geahndet wurde. Man darf nicht vergessen, dass Elagabal mit 14 Kaiser wurde und dadurch den Verführungen absoluter Macht inklusive Verfügungsgewalt über seine Untertanen ausgesetzt war. Er versuchte sich als junger, androgyner Mann wohl auszuleben und hatte dazu schier ungeahnte Möglichkeiten. Sein Leben als Kaiser spielte sich hinter Palastmauern – einer Art Bubble – ab. Und so merkte er wohl nicht, wie sich Unmut gegen ihn als Person und in bestimmten Teilen der Gesellschaft aufstaute. Seiner Großmutter und Tante fiel dagegen sehr wohl auf, dass er für die damalige Zeit die Schrauben überdreht hatte und bauten durch die Adoption des Severus Alexander und einem prompt darauf folgenden Umsturz einem Machtverlust vor. Die Drecksarbeit erledigten die Prätorianer, die den Kaiser eigentlich hätten schützen müssen. Fakt oder Fiktion? So ganz genau lässt sich das bei dem, was über Elagabal überliefert ist, heute nicht mehr sagen. Sicherlich ergeben die zusammengefügten Einzelteile ein stimmiges Bild – an vielem mag »ein Körnchen Wahrheit« sein, wie Icks sagt. Nichtsdestotrotz haben wir es mit einer der faszinierendsten antiken Herrscherfiguren zu tun, die weit über die kurze Regierungszeit hinaus schillert. Der Nachwirkung auf Kunst, Literatur, Drama geht Icks ausführlich nach. Sicherlich erfährt man alles Wissenswerte in dieser Biografie – aber sie regt auch zum Nachdenken an über diesen »fiktionalen Kaiser« an. Und damit befindet man sich als Leser dieser lesenswerten Biografie in guter Gesellschaft mit Künstlern aus vielen Jahrhunderten.
(Jürgen empfiehlt - Herbst 2014)
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