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Dorit David: Tür an Tür

Dorit David: Tür an Tür

D 2014, 280 S., Broschur,  15.32
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Querverlag
Inhalt
Inka und Gitta wohnen Tür an Tür in einem kleinen Mietshaus in Hannover. Sie grüßen sich höftlich, doch haben sie nicht mehr miteinander zu tun, als was an freundlichen Nachbarschaftskontakten üblich ist. Gitta ist alleinerziehende Mutter, der 7jährige Bojan hat seinen Vater nie kennengelernt. Inka ist zu DDR-Zeiten in Ost-Berlin aufgewachsen, seit kurz vor der Maueröffnung ihre große Liebe Lydia vor ihren Augen wegen ihrer staatskritischen Äußerungen und Aktivitäten verhaftet wurde und sie Lydia nicht wieder getroffen hat, hat Inka Probleme mit Beziehungen – ein offen lesbisches Leben stand freilich für sie nie in Frage. Als Bojan eines Tages Inka bittet, ein geheimnisvolles Insekt, eine Indische Schrecke, aufzunehmen, löst dieses Tier einerseits bei Inka eine Auseinandersetzung mit ihren Kindheits- und Jugenderlebnissen in der DDR aus, andererseits kommen die beiden Frauen über Bojan zusammen und es entwickelt sich eine leidenschaftliche Beziehung. Die geheimnisvolle Schrecke wird für Inka zum Symbol ihrer Vergangenheit, denn so wie es das Tier versteht, in seiner Umgebung so gut wie unerkennbar zu sein, indem es sich immer wieder so aussehen lässt, wie ein Zweig oder ein Blatt, auf dem es sitzt, so hatte auch Inka versucht, im DDR-Betrieb einfach nicht aufzufallen. Dort war für Individualität wenig Platz, Spontaneität störte – und lesbisches oder schwules Leben war zwar nicht verboten, aber weder gesellschaftlich noch staatlich geachtet. Zugleich scheint die Schrecke aber auch ihren Lebensstil ohne Männer darzustellen, denn es ist eines der Wesen, die Junfernzeugung praktizieren, die Weibchen legen fruchtbare Eier, ohne dass sie hierzu ein Männchen brauchen. Wochenlang hat Inka die Schrecke und ihre Nachkommen beobachtet, ihren gebannten Blick auf das Terrarium gerichtet, das innere Auge dagegen auf ihre Vergangenheit. Ihr lesbisches Erwachen, ihr Coming-out und schließlich ihre Liebe zu Lydia, die sie vor allem in ihrem Wohnheim verheimlichen musste. Mit ihrer Nachbarin Gitta verbindet sie außer Bojans gelegentlichen Besuchen und ein Paar Treffen auf einen Kaffee wenig – umso überraschter ist sie, als Gitta sie bei einem dieser Treffen unverblümt fragt, ob sie nicht mit ihr schlafen will. Aus diesem spontanen Sex entwickelt sich tatsächlich eine Liebesbeziehung – doch Gitta warnt Inka: Sie, Gitta, sei nur »angetäuscht unkompliziert«. Und tatsächlich ist Gittas Unverkrampftheit und Spontaneität nur Fassade – im Gegensatz zu Inka, die mit ihrer Umwelt verschmilzt und sich so tarnt, ist Gittas Strategie, auffällig zu sein und zwar in einer Weise, dass niemand ihr wahres Wesen und ihre inneren Nöte erahnen soll. Doch Gittas Bild von sich selbst und ihrer Vergangenheit sitzt einem Irrtum auf, den sie zu einer phantastischen Blase aufgebläht hat. Inka erkennt Gittas Wahn und zerstört diese Blase – und damit auch die Unbefangenheit ihrer Beziehung. Wie erzählte und vor allem kunstvoll verschwiegene Vergangenheit unser Leben und unsere Beziehungen bestimmt, war schon in Dorit Davids letztem Roman »Gefühl ohne Namen« das große Thema. Ging es dort um die Weitergabe von Stimmungen und Gefühlen über Generationen, so ist es jetzt in »Tür an Tür« die unmittelbare Wechselwirkung zweier Strategien, mit eigener Vergangenheit umzugehen: Inkas Bedürfnis, sich anzupassen und einzufügen, das zwar keine großen Wunden hinterlässt, sondern vor allem Enttäuschungen über sich selbst und zunehmend zu Einsamkeit führt, trifft auf Gittas Ablenkungs-Strategie, die nicht nur bei ihr selbst unverarbeitete Erinnerungen schwelen lässt, sondern vor allem je länger je mehr schleichenden Unwahrheiten Vorschub leistet. Diese Unwahrheiten machen nicht nur sie selbst verletzlich, auch ihr Sohn Bojan und Inka werden zwangsläufig Konflikten ausgesetzt, die nicht ihre eigenen sind, sondern eigentlich nur das wiederholen, was Gitta nicht an- oder aussprechen will. Als spannendes Beziehungsdrama geschrieben, beeindruckt Dorit David vor allem damit, dass sie es schafft, völlig ohne Psychologisierungen oder gar metaphysische Betrachtungen auszukommen, sondern ihre Geschichte in fast schon harter Rationalität erzählt. So ergibt sich auch ein eigentümlicher Kontrast zwischen klarer Sprache und Erzählführung auf der einen und der geradezu eindringlich vermittelten Gefühlslage Inkas und Gittas auf der anderen, inhaltlichen Seite. Ein großer Lesegenuss und ein Buch zum Nachdenken.
(Veit empfiehlt - Sommer 2014)
Dieser Querverlag-Titel ist auch erhältlich als:
E-Book (epub), € 9.99
Taschenbuch, € 15.32
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