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Abigail Padgett: Blue

Abigail Padgett: Blue

Dt. v. J. Lützeler. D 2012, 368 S., Broschur,  15.32
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Inhalt
Die »Blue«-Romane sind ein eigenes Genre, lesbisch-feministischer Krimi passt als Oberbegriff am besten, freilich bereits (die Originalausgabe erschien in den 90er Jahren) in einer Leichtigkeit, die gegenwärtige queere Selbstwahrnehmung vorwegnimmt. Das Besondere liegt aber im feinen, oft unmerklich die Grenzen überschreitenden Wechselspiel von selbstsicherer Positionierung lesbischer und feministischer Thesen und deren ironischer und selbstkritischer Falsifizierung. Blue ist von Haus aus eigentlich Sozialpsychologin, sie arbeitet mit Statistiken und Wahrscheinlichkeiten. Seit ihre Freundin und große Liebe Misha sich von ihr getrennt hat, lebt Blue zurückgezogen in einem Haus in der kalifornischen Wüste und macht ihr Geld mit der Beratung von Geschäften und Einkaufszentren. Diese Beratungstätigkeit bringt ihr zwar viel Geld ein, für Blue ist es allerdings eher ein spielerisches praktisches Austesten ihrer Promotionsthese, die kurz gefasst besagt, dass das menschliche Sozialverhalten im allgemeinen und das geschlechterspezifische Verhalten von Mann und Frau im besonderen sich strukturell und grundsätzlich nicht wesentlich von dem anderer Primaten unterscheide. Der Titel ihrer Arbeit lautete folgerichtig schlicht »Affe« - dass sie dabei über weite Strecken Sachverhalte beschreibt, die als Allgemeinplätze über menschliche Verhaltensmuster auch ohne Studium zu haben sind, ist Blue völlig klar. Auch dies ist Teil ihrer Kritik an unserer modernen Gesellschaft, dass diese Gesellschaft größere Anstrengungen darauf verwendet, den Anschein zu erwecken - zum Beispiel durch die Erfindung von Wissenschaft -, sich über das animalische Leben erhoben zu haben, als dass Aufklärung darüber stattfindet, was wir alles noch an primitivem Verhalten alltäglich praktizieren. Blues Ratschläge zur Verkaufsförderung zielen so in aller Regel darauf, männlichem Macho-Gehabe den Boden zu entziehen und durch Förderung von oder gar Nötigung zu Kommunikation Zeit und Energie zu binden. Wo geredet wird, wird eher gekauft. Umso überraschter ist Blue, als sie eines Tages den Auftrag erhält, einen Mordfall aufzuklären - oder vielmehr zu beweisen, dass eine geständige Mörderin gelogen hat und in Wahrheit unschuldig ist. Hiervon ist zumindest der Bruder der vermeintlichen Mörderin und Blues Auftraggeber überzeugt. Wovon freilich Blue gar nicht überzeugt ist, ist ihre eigene Kompetenz, hierfür Beweise zu finden. Doch der Job ist gut bezahlt und außerdem bringt er sie wieder näher mit Rox zusammen, einer Psychiaterin, von der Blue schon eine ganze Weile mehr als fasziniert ist. So nimmt Blue ihre Recherchen auf, die freilich mehr ein Sich-Durchfragen als kriminalistisch-systematische Ermittlungen sind. Zudem übersieht Blue vor allem zu Beginn ihrer Befragungen wichtige Hinweise - ihre Sicht ist gerade wegen ihrer sozialpsychologischen Kenntnisse, die sich ja zunächst nur auf Gruppen beziehen und auf Individuen nur insofern, als dass es wahrscheinlich ist, dass bestimmte individuelle Verhaltensweisen sich einstellen. Der konkrete Einzelfall, mit dem Blue aber jetzt konfrontiert ist, lässt sich aber gerade nicht wie das Kaufverhalten in ihren anderen Beratungsaufträgen als Schnittmenge der größten Wahrscheinlichkeiten lösen. Nicht nur, dass Wahrscheinlichkeiten eben noch keine Wahrheiten sind, Blue ist regelrecht gefangen in den Mustern, die sie überall als kurz aufflackerndes Raster erkennt. Abgelenkt hiervon übersieht Blue wichtige und teilweise offensichtliche Hinweise, die sie erst im erzählerischen Rückblick ihrer Geschichte richtig einordnen kann. Zudem ist Blue auch noch von ihrer privaten Situation in Beschlag genommen - mit der sie nicht anders umzugehen versucht wie mit ihren beruflichen Aufträgen. Ihre gescheiterte Beziehung versucht sie ebenso als Resultat gesellschaftlich vorgeprägter Verhaltensweisen einzuordnen wie sie das Verhältnis zu ihrem kriminellen, im Gefängnis einsitzenden Zwillingsbruders hierdurch zu erklären versucht. Und so ist klar, dass Blue zunächst nur sehr langsam in ihrem Fall vorankommt. Doch das steigert nur den Spaß beim Lesen, denn Blues Blick auf menschliche Verhaltensmuster und auf die auch bei unseren nicht-menschlichen Verwandten im Tierreich erkennbaren Parallelen ist ebenso amüsant wie vereinnahmend, und so gehen wir willig mit Blues klarsichtigem Blick immer wieder in die Irre. Es ist diese Selbstentlarvung, das Versagen von Blues überzeugenden Methoden, die unwillkürlich zur eigenen selbstverständlichen Sicht werden, die nicht nur als eigentümliches Stilmittel des Krimis unterhalten, vereinnahmen und beim Lesen immer wieder zum Lachen reizen. Das Wechselspiel aus überzeugend vorgetragenen allgemeinen Wahrheiten und Einzelfall, der sich einfach nicht einfügen will, setzt sowohl Blue als auch uns in seiner vordergründigen Gegenläufigkeit immer wieder auf die falsche Fährte, sich für eine der beiden Seiten entscheiden zu wollen. Dass beweisbare Wahrheit aber weder nur durch allgemeine gesellschaftliche Festlegungen noch durch reine Betrachtung des Einzelfalls erkannt werden kann, macht Blues Ermittlungen zwar heftige Schwierigkeiten. Für den Krimi als spannende Geschichte jedoch ist dies wie Schmiermittel und hält nebenbei viele Pointen bereit, die für ewige Wahrheiten stehen. Und just die feministischen Grundthesen, die Blue so wichtig sind, werden so eben nicht denunziert, sondern geradezu in ihrer allgemeinen Gültigkeit illustriert - und zwar dadurch, dass ihre Grenzen aufgezeigt werden. Nicht nur spannende Unterhaltung also, sondern auch eine intelligente Kritik unserer Gesellschaft und ihrer Selbstbeschreibungen.
(Veit empfiehlt - Frühling 2014)
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