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Ali Smith: Von Gleich zu Gleich

Ali Smith: Von Gleich zu Gleich

Dt. v. Silvia Morawetz. D 2013, 368 S., geb.,  23.63
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Luchterhand
Inhalt
Es ist ein schönes Buch, obwohl es nicht leicht ist den Inhalt des Romans in Worte zu fassen. Es ist ein schräges Buch mit seinen sprachexperimentellen Stellen, die aus anführungszeichenlosen Dialogen, Gedankengängen, absichtlich falschen Wortschreibungen und Sprachmalereien bestehen und nicht direkt Rückschlüsse auf die Befindlichkeiten der Figuren zulassen. Ali Smith neuer Roman – neu insofern als er bereits 1997 in Großbritannien veröffentlicht worden ist, aber jetzt erst ins Deutsche übersetzt wurde – ist ein Juwel voller schöner und hässlicher Impressionen. Man könnte es mit Recht als neo-impressionistisch bezeichnen. Man folgt der lesbischen Autorin gern auf ihrer Reise durch ein ebenso idyllisches wie krasses Schottland. Man saugt diesen Roman auf, obwohl er eigentlich keine wirkliche Handlung hat, gleichzeitig doch so faszinierend und lesenswert ist wie selten ein Buch sonst. »Von Gleich zu Gleich« ist voller Erinnerungen – die beiden Hauptfiguren erzählen ihre Geschichten - nicht nur von Stellen, an denen es Überschneidungen gibt, sich die Lebenswege der beiden lesbischen Protagonistinnen gekreuzt haben – bis hin zu einer wirklich geilen, funkensprühenden Sexszene -, sondern gerade auch dann, wenn die beiden lesbischen Protagonisten getrennte Wege gehen, anders ausgerichtet sind, sich mit anderen Dingen herumschlagen müssen, sich verloren haben. So ist das Leben. Der Realismus des Romans profitiert mächtig von der Fragmentierung eines geradlinigen Erzählstrangs. Amy Shone ist Engländerin – allein schon ihr englischer Akzent stempelt sie in Schottland als Außenseiterin ab. Doch in diesem Außenseitertum hat sie sich bereits eingerichtet. Ihre ganze Lebenssituation (im Wohnwagen lebend und nichts Anderes wollend) ist darauf abgestimmt. Mit ihrer Tochter Kate fährt sie von einem Campingplatz an der schottischen Küste zum nächsten, solange sie es eben irgendwo aushält und die Fragen, bzw. Fragwürdigkeiten nicht überhandnehmen. Insgesamt ist Amy wenig kommunikativ (obwohl sie sogar in Philologie promoviert hat). Über vieles schweigt sie sich aus – gerade auch gegenüber Kate, von der nicht ganz klar ist: ist sie nun Amys Tochter oder nicht? Dann wird Amys Verhalten wiederum von merkwürdigen Verhaltensweisen geprägt, die sich niemand recht erklären kann. Insgesamt ist sie von einem Schleier seltsamer Rätselhaftigkeit umgeben, der selbst für die Leserin nicht aufreißen will. All das scheint ein Ergebnis von Ereignissen in ihrer Vergangenheit zu sein. So recht kann es niemand wissen. Doch dann wird sie vom Anruf einer Journalistin aus ihrer mühsam zusammengezimmerten Welt herausgerissen. Die Journalistin stellt unangenehme Fragen nach Aisling McCarthy – genannt Ash -, Amys ehemaliger Geliebter, die einmal als Filmschauspielerin eine gewisse Berühmtheit besaß, von der nun aber – als wäre sie vom Erdboden verschluckt worden - niemand mehr den Aufenthaltsort kennt. Die Journalistin bereitet ein »Was wurde eigentlich aus …?«-Feature für eine Zeitung über Ash vor und hofft, Amy könnte ihr mit Infos dabei weiterhelfen. Doch auch Amy hat lange nichts ihrer Freundin gehört, hat eigentlich nicht die geringste Ahnung, was aus ihr wurde. Eigentlich möchte sie auch nichts preisgeben über diese Liebe in jungen Jahren, die so abrupt endete. Die Journalistin gibt aber nicht auf, glaubt Amy mit Anspielungen zu ihrer sexuellen Orientierung oder auf eine lange zurückliegende, gemeinsame Verhaftung der beiden in den USA unter Druck setzen zu können. Doch weniger diese Drohungen als die überraschende Konfrontation mit lange verdrängtem, weil nie wirklich vollends verkraftetem Verlust verfängt nun bei Amy. In ihr – obwohl sie jede Kooperation ablehnt – kommt einiges in Bewegung. Plötzlich sind da Fragen, denen sie sich nicht mehr zu stellen wagte. Eine Beschäftigung mit all dem Vergangenen ist nun nicht mehr aufzuhalten. Schubweise werden Amy Dinge aus der Vergangenheit ins Bewusstsein gespült. Wie war es gleich in der Schule mit der ersten Verliebtheit in ein anderes Mädchen? Und wie fing dann alles zwischen der Schottin Ash und ihr an? Damals als Ash noch fünfzehn war – noch lange nicht die berühmte Schauspielerin von später. In diesem Sommer hatte die Liebe zwischen der kühlen Engländerin und der lebhaften Schottin ihren Ausgang genommen. Ihr Leben verband sich. Und Ash wollte eine wichtige Rolle in Amys Leben spielen. Als Amy ihr Universitätsstudium begann, war Ash ganz fasziniert von dieser Welt der Bücher und des Wissens – doch sehr zu ihrer Ernüchterung musste sie feststellen, dass in dieser Welt kein Platz für sie selbst vorgesehen war. Und dann ist sie einfach so verschwunden. Noch immer hat Amy keine Erklärung dafür und hat entsprechend daran zu kauen. Wie in einer Spiegelung - parallel zu Amys Konfrontation mit der Vergangenheit fängt – an einem anderen Ort – auch Ash an sich mit diesem Teil ihrer eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Im Haus ihres Vaters hat sie begonnen Tagebücher und Erinnerungsstücke aus dieser Zeit zu sichten und mit gewissen nostalgischen Gefühlen besetzt durchzugehen. Noch immer ist ihr der Sommer ihrer Liebe sehr präsent und unvergesslich. Für Ash war es keine schöne Zeit. Mit ihrer besten Freundin Donna hatte sie Sex gehabt. Bei einem Gespräch im Freundeskreis brechen die homophoben Vorurteile und die Abneigungen gegenüber Lesben und – stärker noch – gegenüber Schwulen hervor. Ekel wird in plakativen Gesten ausgedrückt. Während die Heterojungs eine gewisse Faszination gegenüber Lesbensex artikulieren, wechselt Donna die Seite, verurteilt Homosexualität in Bausch und Bogen, wodurch sie Ash ins Mark trifft. Diese kann sich kaum noch zu irgendwelchen Ehrenrettungen durchringen. Eine schöne Geschichte ist zerstört. Für Ash ist die Freundschaft zu Donna ein für allemal erledigt. Umso mehr erwacht Ashs Interesse an der Außenseiterin Amy. Als Amy – Jahre später – an die Uni geht, wird Ash klar, dass diese Liebe nicht für die Ewigkeit angelegt ist. Sie zieht sich zurück aus deren Leben. Und doch kann Ash – so wenig wie im übrigen Amy – über die gemeinsame Vergangenheit hinweggehen, als hätte es sie nie gegeben. Die Erinnerungen bleiben bestehen. »Von Gleich zu Gleich« ist keine einfache Lektüre. Und doch konnte ich dieses Buch nicht weglegen – es ist voller schöner Wahrheiten, die in viele kleine, fragmentierte, oft poetische Impressionen verpackt sind. Wer sich umfassende Handlung und einen konventionellen, lesbischen Liebesroman erwartet, mag vielleicht enttäuscht sein – doch ich fand die Intensität beeindruckend, mit der die dramatisch endende Liebesgeschichte zweier Frauen geschildert wird.
(Jürgen empfiehlt - Frühling 2014)
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