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Jean-Baptiste del Amo: Die Erziehung

Jean-Baptiste del Amo: Die Erziehung

Dt. v. Lis Künzli. D 2013, 416 S., Pb,  10.27
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Inhalt
An sich finde ich Vergleiche von neuen Büchern mit denen von Autoren, die sich bereits einen Namen gemacht haben, entweder an den Haaren herbeigezogen oder fadenscheinig - man will sie einfach besser verkaufen. Diese Werbepraktik ist zwar verständlich, wird aber gerne von Verlagen überstrapaziert. Del Amos »Die Erziehung« wird mit Süskinds »Das Parfüm« und mit Büchern des Marquis de Sade verglichen. Anfangs - als ich das las - war ich skeptisch. Doch mit der Lektüre wuchs die Bestätigung, dass ausnahmsweise diese Einschätzung nicht so weit von einem treffenden Vergleich entfernt ist. Der 19-jährige Gaspard - Sohn eines Schweinebauern aus dem bretonischen Quimper - kommt von der Provinz nach Paris. Natürlich hofft er, es in der Hauptstadt zu schaffen. Er wagt den Sprung ins kalte Wasser - ohne in der Metropole jemanden zu kennen, ohne Kontakte, ohne Freunde. Das in diesem Roman geschilderte Paris des Ancient Regime ist mit dem heutigen Inbegriff der Elegance nicht zu vergleichen: es stinkt zum Himmel - die Straßen dieses Paris sind voll von Fäkalien, Dreck, Unrat, Verwesung, Leichen - tierische ebenso wie menschliche. Del Amo schafft es mit einiger Sprachgewalt, diese widerlichen Zustände so plakativ zu schildern, dass man manchmal glaubt es förmlich selbst riechen zu können. Sein infernalischer Blick auf den Unterleib der Großstadt hat deutlich de Sade‘sche Züge. In Paris angekommen - muss Gaspard nach dem anfänglichen Streunen in den Straßen seinen Bauch zu seinem Recht kommen lassen. Wenn er nicht untergehen will, muss es dringend etwas finden, das ihn über Wasser hält. An der Seine trifft der Junge auf Flößer, die von dem leben, was vom Fluss angeschwemmt wird. Nicht immer sind es verwertbare Sachen - bis hin zu verwesenden Leichen. Aber Gaspard verdient Geld, mit dem er sich den Magen füllen kann. Ab und zu geht sich sogar ein Besuch bei den Huren aus. Bei den Flößern lernt Gaspard auch jemand kennen, der für den Jungen zum Freund wird: Lucas. Doch als ihm Lucas zu nahe kommt, flippt Gaspard aus - während er ziellos durch die Stadt läuft, begegnet er dem Perückenmacher Billod, der ihm anbietet, ihn zu seinem Lehrling zu machen, wenn er nur brav ist. Da Gaspards Chancen ansonsten eher traurig aussehen, ergreift er die unerwartete Chance - bietet ihm Billod doch auch Logis im Keller unter dem Geschäft an. Gaspard stellt sich als Perückenmacherlehrling recht geschickt an und schnappt vieles von dem auf, was sein Meister mit den Damen von Gesellschaft zu besprechen hat - den ganzen Klatsch der Stadt mit seinen Skandalen. Bald lernt er auch den Grafen Etienne de V. kennen - der ein ebenso betuchter wie schwieriger Kunde seines Chefs ist. Der Graf ist ein Libertin und ein Aristokrat, über den Gerüchte kursieren. Ihm wird auch eine Neigung zur Homosexualität nachgesagt. Von Anfang an ist Gaspard ganz vernarrt in den Grafen, was Meister Billod bemerkt und ganz außer sich sein lässt - doch er kann nichts dagegen unternehmen, nachdem auch der Graf Interesse an Gaspard zeigt. Der Graf beabsichtigt sogar den Jungen mitzunehmen auf seinen ausschweifenden Touren durch die Stadt und rät Billod sich dem nicht in den Weg zu stellen. Nach einigen Touren kommen sich der Graf und Gaspard näher. Gaspard lässt sich von dem hohen Herrn ficken. Als dieser ihn aus heiterem Himmel fallen lässt, ist Gaspard ganz von Sinnen - hat er doch schon von einer Verbindung mit dem Grafen und damit von einem Aufstieg in den Adel geträumt. Ein eleganter Anzug, den der Graf für ihn hat anfertigen lassen, bleibt ihm jedoch. Nun setzt ihn auch noch Billod auf die Straße. Mittellos irrt Gaspard durch die Straßen der Stadt - eine Hure liest ihn auf und nimmt ihn mit zu sich in ihr Bordell. Sie bietet ihm dort vorübergehend Unterkunft an. Und schnell entdeckt Gaspard im Bordell seine Qualitäten als Strichjunge, beginnt sich für Herren aus der Gesellschaft zu prostituieren. Sein großer Traum ist jedoch der Aufstieg in die Aristokratie. Vom Grafen von V. hat er gelernt, wie man Menschen manipuliert. Er erinnert sich der Familie d‘Annovres, der er bei einer Einladung durch den Grafen von V. vorgestellt worden ist. Ein Überraschungsbesuch im Haus der Adelsfamilie erweist sich als sehr folgenreich. Die Dame des Hauses ist völlig begeistert durch Gaspards charmanten Auftritt. Und der Comte beginnt eine heimliche Affäre mit dem Jungen, bei der Gaspard seine einschlägigen Erfahrungen als Strichjunge im Bordell sehr zupass kommen. Der Comte hat bald einen Narren an dem Jungen gefressen - tut alles, um ihn an sich zu binden, ihm zu gefallen, begleicht alle seine Rechnungen - so exotisch die Wünsche auch sein mögen. Auch die Tochter der d‘Annovres bekommt Gaspard in die Finger - die Hochzeit mit ihr öffnet ihm die Türen zum Adel. Doch das alles hat einen Preis. »Die Erziehung« ist die Geschichte eines Emporkömmlings, der es um jeden Preis aus der Gosse in die Adelsgesellschaft schaffen will. Hauptfigur Gaspard verwandelt sich im Laufe der Handlung - die mit »Erziehung« treffend umrissen ist: aus dem naiven Landburschen wird der gerissene, kalte Karrierist, dem nichts Anderes mehr am Herzen gelegen ist als das eigene Fortkommen und der dafür alles tut - gegebenenfalls geht er auch über Leichen. (Jürgen empfiehlt, Winter 2013)


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