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Chris Adrian: Die große Nacht

Chris Adrian: Die große Nacht

Dt. v. Thomas Piltz. D 2012, 445 S., Broschur,  15.37
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Rowohlt
Inhalt
Das große Fest zur Sommersonnenwende steht an, doch als die Elfenkönigin Titania mit ihrem Gefolge die Hügel der Parklandschaft von San Francisco erklimmt, ist keinem nach Feiern zumute, da die Herrin über das Elfenreich tief in ihrer Melancholie versunken ist. Ihr Wesen wird verfinstert von der Trauer über das verstorbene Kind und der verzweifelten Suche nach dem von ihr vertriebenen Gemahl. Vom unerträglichen Schmerz betäubt lässt sie die Bestie Puck frei in der Hoffnung, dass dieser ihren König aus dem Verborgenen lockt. Dem Quälgeist steht der Sinn jedoch nach Rache, und er fällt über das panisch fliehende Elfenvolk her. Oberon, der verschollene Elfenkönig, hatte jedoch aus dem Verborgenen einen Zauber gewirkt, der sie alle im Park gefangen gehalten hat – sowohl Elfenvolk als auch Sterbliche. Auch wenn die Ereignisse um den Feenhügel den Hauptstrang bilden, handelt der Großteil der Geschichte von der Vergangenheit der Elfenkönigin Titania und den drei Sterblichen Molly, Will und Henry. Molly versucht zeit ihres Erwachsenwerdens die tief christliche Prägung ihrer Familie los zu werden und wagt gerade die ersten Schritte zurück ins Gesellschaftsleben nach dem Selbstmord ihrer großen Liebe. Will hat seine Beziehung verspielt, um seine Sexfantasien auszuleben, möchte aber nun seine Freundin zurückgewinnen. Henry konnte sich endlich von seinem Putzwahn befreien. Seine Gedanken kreisen nun nicht mehr ausschließlich um seinen Exfreund Bobby. Alle wollen sie das Vergangene vergessen und den Schmerz ungeschehen machen und zurück in ein mit Glück erfülltes Leben. Dann wäre da noch der verrückte Obdachlose Huff, der sich mit ein paar Freunden im Park zusammengefunden hat, um ein Musical zu proben, das den Bürgermeister davon überzeugen soll, keine Obdachlosen mehr zu entführen, um daraus Pastete zu machen. Der Roman - so hatte ich den Eindruck - setzt sich aus mehreren kürzeren Geschichten zusammen, die zum Teil für sich selbst stehen könnten. Erst mit der Zeit wird klar, dass keiner der Sterblichen sich zufällig in dieser Nacht im Park befindet. Zufällig entdeckte ich dieses Buch auf unserem Stapel mit Leseexemplaren. Es lag obenauf. Das Cover in dunklem Blau - fast schon Schwarz - mit dem Titel »Die große Nacht« erregte sofort mein Interesse. Der Klappentext erzählte von Elfen, tausend Jahre altem Zauber und Sterblichen, die mit sich und der Liebe ringen. Ich habe allerdings nicht erwartet, die Worte »von seinem Geliebten« darin zu finden. Doch in diesem Fall lässt das düstere Cover mehr auf den Tenor der Geschichte schließen als der nach Abenteuer klingende Klappentext. Ich habe mir einige der öffentlichen Kritiken durchgelesen, und ein großer Teil der Leserschaft schien nicht das vorzufinden, was der Name Titania versprochen hat, einen Shakespeare ähnlichen Sommernachtstraum. Dies ist eine eigenständige Geschichte, auch wenn sie das Shakespeare- Stück als Grundlage hat. Mir erschien die Geschichte viel von persönlicher Erfahrung in sich zu haben und etwas ganz Eigenes erzählen zu wollen. Etwas, das sich Chris Adrian durch seine Erfahrungen als Kinderarzt gut ausmalen konnte und ihm daher wichtig war mitzuteilen. So sind auch wie der Autor mehrere der Figuren Kinderärzte. Auch wenn der Roman oft in die Tiefe geht, so ist er teils auch derb und ungehobelt. Es war für mich etwas befremdlich, als die Elfenkönigin mit Kraftausdrücken um sich warf und ein unreifes, weniger erhabenes Verhalten an den Tag legte, was sicher viele Fans des Shakespeare-Stücks verärgern dürfte. Doch für mich wäre das Buch ohne die Zwischenwelt des Elfenhügels ein Sumpf der Traurigkeit. Das Seltsame und Fantastische hat mir immer wieder Aufschwung gegeben. Chris Adrians Roman spielt zum Teil nicht nur in der Zwischenwelt, sondern bewegt sich auch zwischen den Genres. Wiederkehrende Themen sind der Tod und die verlorene Liebe. Es ist kein Buch, das Massen unterhalten soll, sondern eine Geschichte, durch die ich an einer mir unbekannten Sicht der Welt teilhaben kann. Das Buch mag zwar teils unangenehm sein, und ich würde es nicht als Unterhaltungslektüre empfehlen, denn das Buch war für mich eine emotionale Herausforderung, an der ich wieder ein Stück gewachsen bin. (Michael empfiehlt, Frühling 2013)
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