Dt. v. Karin Dufner. D 2011, 413 S., Pb, € 9.24Kostenloser Versand ab 20 Euro Bestellwert.KnaurLydia lebt mit ihrem Ehemann Robert und ihrem 10jährigen Sohn Charlie in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts in einem kleinen Städtchen in England. In Robert hatte sie sich während des Krieges heftig verliebt, doch der sieht – wie viele Väter – den gemeinsamen Sohn eher als Konkurrenten, der ihm die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Frau streitig macht. Und so ist Lydias Ehe zunehmend eine kalte Überlebensnotwendigkeit geworden, denn als Frau ohne Berufsausbildung kann – und muss – sie zwar in der örtlichen Radiofabrik dazuverdienen, niemals aber aus eigener Kraft sich und ihren Sohn ernähren. Das bekommt Lydia hart zu spüren, als Robert sie verlässt und sich weigert, etwas zu ihrem oder Charlies Unterhalt beizusteuern. Als Charlie in der Schule in eine Schlägerei verwickelt wird und von der Ärztin Jean Markham behandelt wird, fällt dieser sofort Charlies aufgewecktes Wesen auf. Jean, passionierte Hobbyimkerin, lädt Charlie zu sich ein, damit er ihre Bienenstöcke sehen kann. Charlie ist begeistert und verbringt immer mehr Zeit im verwilderten Garten der Ärztin. Rein aus Höflichkeit lädt Jean zunächst auch Charlies Mutter zum Tee ein. Lydia und Jean mögen sich auf Anhieb, auch die in England so dominierenden Klassenunterschiede – immerhin stammt Jean aus wohlhabendem Haus, während Lydia in kleinbürgerlichen Verhältnissen aufwuchs – spielen keine Rolle. Aus dem anfänglich lockeren Kontakt entwickelt sich eine stürmische Liebe. Lydia zieht bei Jean ein, offiziell um ihr den Haushalt zu führen. Doch bald schon werden Gerüchte über das lesbische Paar gestreut, in der repressiven Nachkriegszeit nicht nur eine nervliche Belastung, sondern vor allem für Lydia als Mutter brandgefährlich. - »Der Honiggarten« scheint, vor allem aufgrund der rahmenden Pro- und Epilog-Kapitel aus der Perspektive Charlies erzählt zu sein. Charlie hat ja auch beide Frauen zusammen gebracht, und sein intensives Interesse an Jeans Bienenstöcken, der eine lange Sommer der Bienenpflege bis zum Einbringen der Honigernte gibt dem Roman ein wichtiges erzählerisches Gerüst. Aber in Wahrheit ist »Der Honiggarten« ein Roman über starke Frauen, die keineswegs immer gute Figur machen. Neben Lydia und Jean, den Protagonistinnen der Liebesgeschichte, gibt es noch Dot, die Freundin Lydias aus der Fabrik, Pam, Roberts missgünstige ältere Schwester, die als junges verwaistes Mädchen erst ihren Bruder großziehen und dann als junge Witwe ihre Tochter Annie durchbringen musste. Dass sämtliche Frauen aus der Position der Schwäche, d.h. zumeist in wirtschaftlicher Abhängigkeit, handeln, hindert sie nicht, den Gang der Ereignisse zu bestimmen. Und natürlich haben ihre schwierigen Lebensumstände mitnichten zu ihrer charakterlichen Erhebung beigetragen, in dieser Hinsicht ist die Autorin Fiona Shaw knallharte Realistin, was die Romantik der Liebesgeschichte nur umso eindrucksvoller hervor treten und den Roman nur an ganz wenigen Stellen die Grenze zum Kitsch streifen lässt; doch dies ist schnell vergeben, zu vielschichtig sind alle Personen dieser Geschichte. (Also available in the English original version for € 10.39.)
