Veneda Mühlenbrink: Irgendwo auf der Welt fängt mein Weg zum Himmel an
D 2010, 283 S., Broschur, € 15.32Kostenloser Versand innerhalb Österreichs.Ulrike HelmerLesbisches Leben im Kontrast zweier völlig unterschiedlicher Generationen und Lebensentwürfe: Valerie ist eine junge lesbische Schriftstellerin. Seit ihre Freundin Irina sich von ihr betrogen fühlte, weil sie mit einer anderen Frau im Bett war, und sie deshalb verließ, ist Valeries Privatleben ins Schlingern geraten. Zwar genießt sie ihre Freiheit(en), andererseits liebt sie Irina noch immer, und so haben alle ihre Affären einen schalen Beigeschmack. Eine befreundete Altenpflegerin hat ihr Luise vorgestellt, eine alte Dame, die ihre Lebensgeschichte erzählen will, weil »der liebe Gott noch etwas mit mir vorhat«. Luise hat viel erlebt, Repression und Verfolgungszeit unter den Nazis, die dumpfe Zeit der 50er und 60er Jahre. Obwohl sie zeitlebens lesbisch empfand, war für sie ein offenes Leben unvorstellbar. Auch in den Gesprächen mit Valerie bleibt zunächst eine Kluft, denn auch charakterlich sind die beiden Frauen völlig verschieden. Während Luise fein, belesen und zurückhaltend ist, ist Valerie laut, direkt und – obwohl Akademikerin – doch eher halbgebildet. Doch die beiden vertragen sich und Valerie spürt, dass hier Stoff für ein gutes neues Buch zu holen ist. In den wöchentlichen Treffen lernt sie viel über die Vergangenheit, und natürlich muss sie auch selbst gegenüber Luise viel von sich preisgeben, denn die alte Frau ist neugierig, was lesbisches Leben mittlerweile bedeuten könnte. - Veneda Mühlenbrinks neuer Roman besticht vor allem durch die krass inszenierten Kontraste. Gegenwart prallt auf Vergangenheit, feine Ausdrucksweise auf lautes Plappern. Während der Treffen der beiden Frauen werden solche Unterschiede zuweilen thematisiert, mitunter abgewogen und verglichen. Plakativ stehen sich jedoch die unterschiedlichen Schilderungen des Lebens von Luise und Valerie gegenüber. Während Luises Erlebnisse in gewählter, manchmal altmodischer Sprache vor allem erzählerisch vorgetragen werden, sind die Valerie-Passagen stark von Dialogen geprägt, besonders von Dialogen unter Freundinnen: Schnelle, flapsige Schlagabtäusche, ehrlich und direkt, wenngleich zumeist nicht tiefsinnig. Das hat beim Lesen eine äußerst erfrischende Wirkung, denn der Wechsel von langsamen, inhaltsreichen und schnellen, scheinbar oberflächlichen Pasagen hat etwas Aufrüttelndes. Gleichzeitig erfüllen die Abschnitte über Irinas Leben die Schilderungen Luises mit der Lebendigkeit der Gegenwart, ein geschickter Kniff, der Vergangenheit Farbe zu verleihen und gleichzeitig die Distanz immer deutlich bleiben zu lassen. Sicher, der Roman bietet bei aller soliden historischen Recherche keine neuen Erkenntnisse über die Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Dafür ist er jedoch Unterhaltung im besten Sinn, eine angenehme, leichte und zugleich hintergründige und spannende Geschichte, es macht einfach Spaß, das Buch zu lesen.
